Das Ding unterm Baum

Ich habe keine besonderen Aufgaben im Gewächshaus. Oft ist es nur, dass ich nachsehe, ob alle Ventile dicht sind. Wenn wir hinein gehen, müssen wir durch vier Schleusen. Große Vorsicht ist geboten, und man darf kein einziges Staubkörnchen von draußen nach drinnen tragen. Nach der zweiten Schleuse geht es unter die Dusche. Einige von den anderen haben von dem täglichen Duschen eine böse Haut. Ich nicht. Ich gehe einmal in der Woche an der Klippe schwimmen, obwohl meine Mutter mir gesagt hat, ich soll das nicht tun. Ich weiß nicht, wieso, denn sie selbst macht es auch. Offensichtlich bekommt mir das Schwimmen im Meer ganz gut. Alle anderen gehen nicht mehr rein, seit Warnungen wegen der Artefakte ausgesprochen wurden. Man sagte offiziell, dass es hoch riskant für den menschlichen Körper sei, mit Meerwasser in Berührung zu kommen. Aber meine Mutter und ich sind immer rein gegangen, und nicht nur das, wir sind auch regelmäßig im Boot unterwegs gewesen und bis zur großen Sandbank gerudert, die man Unrein nennt, eine Sandbank weit draußen, bei der aber das Wasser so seicht ist, dass man bequem aus dem Boot steigen und die Füße im hellen Sand versinken lassen kann. Hier huschen viele Fische herum, besonders Plattfische und allerlei kleines Getier, es gibt sie hier in großer Fülle und sie schmecken köstlich. Ja, genau, wir holen sie hier mit dem Catcher raus. Nach Ansicht der Leute, die vor dem Betreten des Wassers warnen, wäre dies die größte Fahrlässigkeit nicht nur uns selbst gegenüber, sondern wir würden alle anderen, mit denen wir in Berührung kommen, denen wir nur die Hand geben, in Gefahr bringen. Kontaminieren würden Sie sagen, wenn Sie es wüssten. Sie wissen es aber nicht. Hier kommt nie jemand hin. Hier ist nur das Glitzern des flachen Meeres, wenn die Sonne aus dem Meer eine Decke aus sanften Dunst hebt. Im Boot haben wir einen alten dunkelblauen Eimer, in dem die gefangenen Tiere kräftig schnappen und zappeln. Manchmal springen welche wieder raus und klatschen auf die Fläche des Wassers oder sie gleiten in die Tiefe des Boots. Auf der Sandbank Unrein wurden besonders viele von den Artfakten angespült, aber sie wurden vor allem durch ihr Geräusch entdeckt, als nämlich bei klarem Wetter und mäßiger Brise ein Klingeln und Klirren mit dem Ostwind auf Land getragen wurde. Man konnte den Eindruck haben, dass dort draußen kräftig Geschirr mit der Hand gewaschen würde. Aber dann waren es die Artefakte, die mit den flachen Wellen hin und her geworfen und wieder hinein ins Wasser gesogen wurden, und die dabei aneinander stießen und dieses Geräusch machten. Es war diese Hand, die sie dort hineingestreut hatte. Keines der Artefakte nahm beim Spülen irgendeinen Schaden, im Gegensatz zu Geschirr, das dabei in Tausend Scherben zerbrochen wäre oder im Gegensatz zu den Schalen leerer heulender Muscheln, die im Wogen der Dünung glatt und fein geschliffen werden.

Die Fische schmecken gut, und ich hole auch weiter welche, seitdem ich ein eigenes Haus habe. Das war einfach zu finden, denn viele Häuser in unserer Gegend stehen ja leer, und die Besitzer sind froh, wenn sich jemand um sie kümmert und sie nicht verwahrlosen und die Wiese und dann der Wald von ihnen Besitz nimmt. Aber ich wollte eigentlich das Haus meiner Mama nicht verlassen. Ich kann die Dinge halt nicht so gut wie sie, aber sie sagte, im Gewächshaus machst du genau die gleichen Sachen, die man braucht, um alleine in so einem Haus zurechtzukommen. Sie passt ja immer gut auf mich auf und sagt immer, dass ich das schaffe, und dass ich ihr Haus ja von meinem aus sehen kann, da oben auf der Klippe, aber ich glaube auch, dass ich ihr manchmal auf die Nerven gehe. Manchmal gehe ich bei ihrer Schule vorbei und gucke nach, ob ich sie durch das Fenster sehen kann,aber einmal hat sie mich dabei erwischt und mich mit einem Blick weggescheucht. Sie sagt, das stört sie und die Schüler. Ich denk dann manchmal, dass es einen Sohn hier und einen Sohn da gibt. Manchmal kümmere ich mich auch darum, dass ihre Schule nicht zuwächst; ich kratze die Gräser aus den Ritzen, damit die Kinder auf dem Schulhof Ball spielen können, und außerdem helfe ich im großen Schulgarten, aber immer nur, wenn die Kinder drinnen oder zuhause sind.

Zuhause hatte ich die Dose im Kühlschrank aufbewahrt. Oben dreht sich immer das Windrad aufm Dach, und deshalb habe ich's immer kalt oder warm. Ich dachte, vielleicht könnte ich irgendwas bewirken, wenn ich das Ding in den Kühlschrank lege, obwohl, die lange Zeit, die es da im Boden in der Senke am Tümpel gelegen hat, da hat sicher auch manchen Winter das Eis an ihm geleckt. Denn ab und zu kommt es vor, dass es für ein paar Tage und Nächte bitter kalt wird, und dann erstarrt nicht nur der Tümpel, sondern auch der Boden, und auf der See treiben Schollen, auf denen Vögel Platz nehmen und sich wundern, dass sie dort stehend schaukeln können. Jedenfalls war mir schon klar, dass das Ding auch schlimmeres mitgemacht hatte.

29. Dezember 2019