Wie Frieda Besuch bekommt und ihre Freunde eine Bootsfahrt unternehmen

An einem späten Sommernachmittag wurde Frieda Kranz, die sich zu ihrer Bequemlichkeit einige schwere Sessel zusammengeschoben hatte, durch einige unbekannte, wenn auch nicht besonders laute oder auf eine sonstige Art besonders auffällige Geräusche aus dem Schlaf gerissen. Eigentlich wäre es sogar verwunderlich gewesen, wenn nicht irgendwo jemand gelärmt, gewerkelt oder eine Treppe hinabgerannt wäre, denn in dem Haus wohnten nun schon seit einiger Zeit mindestens zehn Gäste, die Friedas Großmutter ursprünglich für einen Sommer aufgenommen hatte (damals schaukelte ein Schild über dem Gartentor „Zimmer frei“), die bald aber jedes Jahr kamen, weil sie den Kuraufenthalt sehr genossen hatten. Immer, wenn es Sommer wurde, griff sich die Großmutter den ersten auftauchenden Gast und zog ihn mit sich in die Zimmer, wo sie ihn neben den Regalen aufstellte. Zu zweit packten sie das Regal und drehten es mit dem Gesicht zur Wand, damit sein Inhalt den Sommer über geschont werde. Rückwärtig war das Regal genauso tapeziert wie das Zimmer, in dem es stand, mit kleinen Rosen, und oben steckte ein kleiner Nagel. An dem hängte die Großmutter ein Bild auf. Anschließend schob sie die Gästebetten davor, bezog sie mit frisch gestärkter Wäsche, klopfte die Plumeaus und Kissen auf, verteilte Blumen aus dem Garten auf den Tischen, so dass niemand mehr sehen konnte, dass hier beispielsweise das Ess- oder Wohnzimmer gewesen war. So machte sie es in jedem Zimmer, bis im ganzen Haus an die zehn Leute Platz finden konnten, zur Not sogar mehr, wenn man sich Mühe gab. Der Tageslauf fand im Garten oder auf der großen Veranda statt, abends traf man sich gern in der Küche, wo sich alle an einem langen Tisch zusammensetzten, den man zuvor mit salzigem Sand weißgescheuert hatte.

Zu der Zeit war Frieda noch ein niedliches Kind gewesen, und die Gäste nahmen sie mit an den Strand, bauten ihr die größten Sandburgen, suchten ihr die schönsten Muscheln, aus denen sie allerlei Schriftzüge legten; vor allem aber buddelten sie ein weitflächiges Kanalsystem aus, das gegen Abend durch die Kraft des Grundwassers zusammenfiel. Nun aber hatte die Großmutter der Schlag getroffen, so dass die Gäste beschlossen, endgültig zu bleiben: das Kind durfte nicht alleingelassen werden, und die Großmutter, die man in Dankbarkeit und Respekt in das freundlichste Zimmer verlegte, war auch versorgt. Das dauerhafte Wohnen der Gäste brachte daher alles, Kindergeschrei, schläfriges Seufzen und eifriges Geklopfe, mit sich, wie man es von einem belebten Haus gewohnt ist, in dem sich in benachbarten Zimmern unsichtbar das Leben regt. Jener unbekannte Laut steigerte aber die dumpfen Töne zu einer Klarheit, die der Grund für Friedas unmotiviertes Erwachen war.

Frieda warf die Laken beiseite und rannte, ohne sich etwas dabei zu denken, im Hemd in den Flur hinaus zum Zimmer ihrer Großmutter, dessen Tür zur besseren Einsicht der daran vorübergehenden immer einen Spalt weit geöffnet war. Da bemerkte sie von hinten, wie sich die Großmutter langsam in ihrem Bett aufrichtete und in die Kissen zurücksank. Sie trat in das Zimmer, um das offenstehende Fenster zu schließen (übrigens das einzige Fenster des Hauses, von dem aus man einen Schimmer des Meeres über die Bäume hinweg erwischen konnte, wenn man nicht auf dem angrenzenden Balkon stand, das Wasser war fast grau und regungslos, am Horizont in den Himmel verschwimmend, während vermutlich die Sonne im Westen mehr in den Dunst zurückwich als dass sie unterging; aus dem Garten stiegen die Gerüche der Früchte hinauf), also das Fenster, in dessen grüner Gardine sich der Blick eines Mannes im Regenmantel verschlungen hatte, der nun erschrocken zurückfuhr. Frieda aber hatte ihn schon erkannt.

„Sie dürfen das Fenster nicht öffnen,“ sagte sie, „meine Großmutter könnte sich erkälten. Sie ist schon krank genug.“

„Es scheint hier nicht alles zum besten zu stehen,“ entgegnete der Mann mit dreister Fachkundigkeit. „Trotzdem bitte ich um Entschuldigung, dass ich mich nicht angemeldet habe, aber ein Herr Krüger ließ mich in das Haus, ohne irgend etwas zu mäkeln zu haben. Er hätte es doch sicherlich gesagt, wenn ich ungelegen gekommen wäre oder sonstige Einwände bestünden, er drehte sich aber um und ließ mich machen, was ich wollte. Und weil alle Türen verschlossen waren und mir niemand mehr trotz offensichtlich heftigster Debatten auf der anderen Seite aufschließen wollte, ging ich schließlich dort hinein,“ hier änderte sich sein Ton, „wo ich niemanden störte, um eine gastfreundlichere Gesellschaft vorzufinden.“ Dabei schaute er lächelnd zu der Großmutter hinüber.

„Die sich am wenigsten dagegen wehren konnte.“

„Was nur die Zustände in diesem Haus erklärt, oder? Meine Schuld ist es jedenfalls nicht, die sie mir in dieser Lage ausgesetzt hätte. Es verhält sich überhaupt ganz anders als Sie sich bisher immer vorgestellt hatten.“ – „Ach,“ sagte Frieda, „wer sind Sie denn schon, woher wollen Sie das denn wissen?“, ohne dem Mann eine Pause abzuringen. – „Aber Ihre Großmutter hat das alles schon auf sich zukommen sehen und mich bereits vor längerer Zeit zu sich gerufen, damit ich im Notfall eingreifen solle. Und, passen Sie mal auf, jetzt schildere ich Ihnen genau, wie das damals vor sich ging, damit Sie sehen, dass alles stimmt, was ich hier sage. Das erste Indiz dafür ist mein Empfang in dem Zimmer, in dem sich jetzt der leichtfertige Herr Krüger aufhält. Wie kann ich von diesem Zimmer wissen? Weiter: Sie hat mir die Tür aufgemacht in dem weißen langen Kleid, das ihren Hals abschließt. Und um den Kragen hatte sie das Collier gelegt, das aus ihrem Familienbesitz noch übriggeblieben war, na, woher soll ich das wohl kennen? Sie hätte es nämlich für peinlich gehalten, mir in dieser würdelosen Situation als Würdelose entgegenzutreten. Sie wissen, dass das stimmt, weil Sie selbst auch in Zeiten der Flaute noch in den hübschesten Kleidern in die Schule geschickt wurden, was Sie nicht einmal besonders zu schätzen wussten; nicht ein bisschen davon wird hier gewürdigt, wenn Sie heute schamlos im Hemdchen durch das Haus springen, als ob niemals ein Fremder es je betreten könnte. Aber Ihre Großmutter, die bemüht sich selbst in dieser Abgeschiedenheit, nicht der Schlampigkeit, die doch durch die Krankheit gerechtfertigt wäre, anheim zu fallen.“ Damit hob er das Laken, mit dem der Hals der Großmutter bis zum Kinn bedeckt war, und zeigte Frieda das erwähnte Collier, das in seiner ganzen Schönheit um den mageren Hals strahlte.

„Jajajaja! Diese Haltung hat sie bewogen, als die Flaute sie dazu zwang, den Sommer über Gäste aufzunehmen; dies tat sie darüber hinaus gern, weil sie ein gutes Herz hat. Man wertschätzte sie dafür, es war eine Ehre, in ihrem Haus aufgenommen zu werden, und jeder, der kam, hielt auch die Bezahlung für viel zu gering. Natürlich reiste man nicht ab, weil die Großmutter der vielen Gäste wegen überarbeitet war und man ihr ein bisschen zur Hand gehen wollte. Aber man sah nicht, dass das Bleiben gerade der Grund für den kommenden Zusammenbruch war. Denn unter den Gästen waren einige, die dieses Handikap zu ihrem eigenen Vorteil nutzten. Sie kamen nur noch zu Ihrer Großmutter in Kur, fuhren also niemals anderswohin, bleiben länger als für die Wirtschafterei und die eigene Erholung notwendig und sogar nützlich war, sie bekamen den Hals nicht voll, sie warben ihre Freunde herbei, und wenn sie das nicht taten, lockten sie draußen durch ihr Gerede wieder andere an. Das war der Zeitpunkt, als ich auf den Plan getreten bin. Da war Ihre Großmutter, damals noch aufrecht wie eine Kerze, in Herrn Krügers Zimmer gestanden, obwohl ihr, wenn sie ihren Stock nicht zur Stütze gehabt hätte, links der Fuß weggerutscht wäre. Das war schon das erste Zeichen der Krankheit, die ich gar nicht bemerkt hätte, wenn sie mich nicht selbst darauf aufmerksam gemacht hätte. Sie sagte, bisher habe sie noch nicht den Verstand im angegriffenen Gehirn verloren und wolle im letzten Moment noch alles geregelt haben. Vor den Gästen warnte sie mich: Überall würden die herumschleichen, wohl in dem Glauben, dass sie es nicht bemerke; überall würden im Haus Türen zuschlagen, wenn sie einen Gang hinunterging, damit der Weg möglichst frei sei, sogar hinter den Gardinen würden sie sich verstecken, nur damit sie denken solle, sie seinen schon abgereist, und wenn sich doch einmal ein Zusammentreffen nicht hat vermeiden lassen, haben sie sich wie Krabben mit Doppelkinn an die Wand gedrückt.“

„Sie verteidigen sich ja nur! Nun sagen Sie mir, worauf das Ganze hinauslaufen soll.“

„Ihre Großmutter hat mehr als den Verlust des eigenen Einflusses den Verlust der Enkelin an die Gäste befürchtet. Denn das Kind wurde von den Gästen verhätschelt, man sah es kaum noch in der Schule, es verwahrloste zusehends, man schnitt ihm die schönen Locken ab, weil man keine Lust hatte, ihm die Haare anständig zu pflegen, es trieb sich in den Kellern herum, wo es nichts zu suchen hatte, man stopfte es mit den ungesundesten Speisen voll. Mehr brauche ich nicht zu sagen: Sie waren ja selbst dabei. Ihre Großmutter hat mich also um folgendes gebeten: Wenn die Sache überhand nehmen würde, sollte ich mildernd eingreifen, was ich heute tue. Und damit Sie mir glauben und nicht denken, ich würde dies aus reiner Willkür tun, zeige ich Ihnen die Vollmacht, die Ihre Großmutter zu diesem Zweck ausgestellt hat. Hier: da können Sie lesen, dass ich Zutritt zu sämtlichen Räumen und dem Garten habe, und dass ich die Angelegenheit ganz in eigenem Ermessen, aber im Sinne ihrer Großmutter regeln kann. Natürlich hätte ich die Vollmacht gleich benutzen können und nicht auf den Pförtner Herrn Krüger zu achten brauchen, wenn ich mit der Tür ins Haus hätte fallen wollen. Aber ich habe auf die Einsicht der Gäste vertraut, um alles im Guten zu regeln. Tatsächlich arbeite ich schon seit vier Monaten in dieser Angelegenheit, habe jeden einzeln befragt, sämtliche Einwände notiert, Lösungen für die Zukunft gesucht und am Ende ein Abkommen getroffen, das heute eingelöst werden soll. Sie können übrigens genau jenen Herrn Krüger dafür danken, der sich eben so widerspenstig angestellt hat. Sein Zuspruch hat nämlich die anderen dazu überreden können, das Haus zu verlassen. Damit wären wichtige Schritte eingeleitet!“

Hier schob er die Gardine bei Seite und machte die Sicht auf die Versammlung frei, die unten auf der Straße hin- und herwuselte. Es waren alle Gäste, die sich mit gefüllten Taschen und zusammengerollten Badematten aufgestellt hatten. Die Familie im Keller, die seit einem halben Jahr bei Frau Jahnissen zu Besuch war, lehnte vereint an der Treppe, Herr Krüger schien dort etwas zu dirigieren, der Gast aus dem Hinteren Zimmer kämpfte mit seinem Bettzeug, wovon ihn ein zweiter abzuhalten versuchte, der es ihm abnehmen und ins Haus zurücktragen wollte, drei Kinder rannten wild durcheinander, die anderen waren schon dabei, sich in Bewegung zu setzen, andere trabten noch einmal in die umgekehrte Richtung, weil sie etwas vergessen hatten, wobei sie all ihre roten und blauen, grünen und gelben Eimer und Schaufeln fallen ließen, wo sie eben noch gestanden hatten. Frieda öffnete das Fenster, um sich den Auflauf genauer anzusehen, da hoben unten alle ihre Köpfe hoch, winkten fröhlich mit Schirmen und Handtüchern, und der tschechische Herr Kohout, den Frieda immer besonders gemocht hatte, brüllte semännisch hinauf: „Ahoj, liebe Frieda!“

„Nein,“ rief Frieda, indem sie die Vollmacht, die ihr zugewendet war, nach der Unterschrift ihrer Großmutter absuchte, die sie ganz richtig auch unten fand. „Sie wollen mir weismachen, dass Sie ein Eingeweihter meiner Großmutter sind, ihr ganzes Wissen setzen Sie dafür ein; in Wirklichkeit sind Sie aber mein ehemaliger Lehrer Herr Mandel, der schon damals in der Schule die Geheimnisse meiner Mitschüler preisgab, indem er sich die Schulhefte zeigen ließ, um angeblich daraus den Aufsatz zum Unterricht zu lesen. Sie blätterten dann aber heimlich zurück und lasen laut die völlig privaten Notizen vor, die Sie überhaupt nichts angingen, so dass man glauben konnte, Sie hätten eine tiefe Einsicht in unsere Natur. Gleichzeitig lag Ihnen aber daran, alles so lächerlich wie möglich darzustellen, und so ist es auch jetzt.“

„Das mag schon stimmen,“ antwortete Herr Mandel, „aber genau diese Eigenschaft ließ mich herauskriegen, was hier eigentlich los ist.“

Unten wurde es jetzt unruhig. Die letzten wollten nicht länger warten und riefen: „Frieda, wir sind zu einer Bootsfahrt eingeladen und machen uns man vom Acker; kommst du nach?“ Im Nu stürmten sie den Abhang hinunter, in Richtung Strand hinter den hohen Bäumen verschwindend. Herr Kohout hatte sein Cello auf dem Rücken.

„Aber die wissen ja von gar nichts,“ zweifelte Frieda. – „Natürlich,“ entgegnete der Lehrer, „und wir gehen jetzt auch.“

Als Frieda auf den Flur hinausging, sah sie, dass alle Türen offenstanden. Sie konnte es kaum glauben und durchstreifte suchend das Haus. Ein Blick in die Zimmer, oben, unten und auch im tiefsten Keller, zeigten ihr, dass alles in sorgfältigstem Zustand hinterlassen worden war; vielleicht war hier noch eine Brille oder dort noch ein Handtuch vorzufinden, sonst gab es aber nichts. Oben zurück, kam sie an Herrn Kohouts Zimmer vorbei. Dort lehnte der Schrank, der durch den entnommenen Hausrat an Gewicht verloren hatte, mit schwankenden Türflügeln weit in den Raum hinein. In ihm lag noch das Manuskript, an dem Herr Kohout gearbeitet hatte, ein Batzen ordentlich zusammengestoßener Seiten. Die nahm Frieda in die Hand, und sie stand einen Moment still. Alles in ihr war Melodie, die ganze Musik, die in den Seiten aufgezeichnet war, alles, was sie davon kannte. Da sah sie ihre gepackte Tasche neben der ausgesuchten Reisekleidung. Es war an alles gedacht worden – nichts war mehr zu tun. Sie schob den Stoß unter eine Matratze.

Nach erledigter Garderobe zog und nötigte der Lehrer sie, teils unter unmotiviertem Lachen, auf die Straße hinunter. Beinahe rollte man den Abhang davon. In der Zwischenzeit hatte es wohl ein wenig geregnet. Der Strand war von einer dunklen pockigen Kruste bedeckt, die bei jedem Schritt ihre warme Füllung freigab. Das Meer, glatt und milchblau, schlug nirgends an. Es lagen noch einige Matten am Strand herum, von denen aus sich eine Spur ins Wasser zog, wo der Sand tief zerfurcht war. Kein Mensch hatte sich dem sicherlich nur kurzen Guss entgegengestellt, so dass sie beide allein in der Bucht standen. Aber hinten auf dem Meer schwebten drei Boote, deren Insassen, den Rücken zum Land, die Köpfe über die Schultern drehten und die langen Ruder zum Gruß senkrecht balancierend erhoben. Das waren die Gäste, die sich dort draußen amüsierten. Hinter dem Horizont aber, wie wir gleich sehen werden, näherte sich ein Schatten aus Stahl.

15. April 2016