Weißer Sommer

Wer kann schon sagen, was im nächsten Sommer sein wird? Als ich in diesem Mai die Tür öffnete, erstickte ich beinahe unter der Last der hereinschwallenden Hitze. Im Korridor baute sich unmittelbar eine Wand auf. Zu früh, dachte ich. Zu früh kommt die Hitze, zu früh im Jahr und im Tag. Draußen war es weiß, ein Lastwagen fuhr vorbei, wie ich ihn letzten Sonntag noch in einem Nachmittagsfilm gesehen hatte, mit runder Motorhaube. Seine Gestalt schimmerte grau durch das weiße Gleißen, das greifbar war wie Staub und weich wie ein Vorhang aus Spinnweb.

Frage 1: Wer wohnt in dem Haus gegenüber?

Aus dem Spinnennetz ergoss sich eine zweite Schicht aus Hitze, die meine Haut nass machte. Ich wollte das Haus verlassen, aber ich fühlte mich erschlagen. Auf der anderen Straßenseite, die ich nicht sehen konnte, aus welchen Gründen auch immer, kam lautes Rufen von Kindern, die niemals hier gewesen waren. Seicht kam ihr Rufen, das sich mit dem Knurren des Lastwagens mischte, in einem Zickzack von Stimmung, Geschrei und Gesumm, eingebettet in das Brodeln der Hitze. Vor dem Haus gab es einen Zaun aus grauem Metall. Heute sah der Zaun schön aus, wie Eis in dieser verdammten Hitze, und der Zaun tat weh. Meine Knochen hätten sich gefreut, wenn ich mich auf ihn hätte setzen dürfen, aber der Zaun ragte spitz bis in den eisblauen Himmel hinein,

Frage 2: Was ist in der Erdkuhle?

der so heiß war, und bildete einen hübschen Kontrast zu dem Giebel, der sich in den Zenit streckte. Wie konnte ich das wissen? Ich war doch wie erschlagen? Der Himmel wollte dunkel werden im Zenit, aber es war ihm zu warm, zu warm, ihm klebte das Kleid, als wollte es dunkel werden in seiner Spinnwebhaftigkeit. Wer kann wissen, warum ich vor dem Haus stand? Und wer weiß, wie's im nächsten Sommer kommen wird? Der Lastwagen fuhr immer noch vor meinem Haus vorbei und trug die Kinder mit sich, die alle rote Kopftücher anhatten; auch die Jungs. Jungs mit roten Kopftüchern und sehr kurzen, roten Hosen. Ach, es waren ja nur Jungs. Her mit Euch, ihr Kopftuchträger. Nein, der Zaun wird kein Tuch mehr einfangen, er liebt den Spinnweb. Und die Kinder waren fort. Es war eine ganze Ladung gewesen. Unsere Nachbarn: ich wollte nachschauen, ob sie Milch für mich hatten. Überhaupt war ich ja aufgestanden, weil ich Kaffeedurst hatte, aber in der Hitze des Morgens hatte ich keine Lust auf heißen Kaffee, und etwas Milch würde ihn weicher machen. Aber die Milch war sauer geworden – zuerst konnte ich nicht verstehen, was los war. Die Nachbarn hießen Zacharias. Das stand auch auf der Klingel. Aber heute morgen war's mir, als hätte ich das schon vergessen. Nur die Milch war mir noch im Sinn, jetzt nachdem alle Jungs mit ihren roten Tüchern in die Weite verschwunden sind. Herr Zacharias baut Gestelle für Messen. Er fährt dann in die großen Hallen, wo immense Windsysteme brausen, und die Hallen sind groß wie die Hangars eines Raumschiffs. Aber weder Herr Zacharias, noch seine Frau waren heute zuhause, und so wurde es nichts mit der Milch, leider. Was tun? So und was jetzt? Wie wird der Sommer, so heiß, und ohne Milch? Ich weiß es nicht.

An Tagen wie diesen, vormittags, nachdem schon alle fort sind, sind die Schatten immer so hart auf dem Wasser. Alles was dem Licht abgewandt ist, ist unendlich schwarz. Man mag nicht hinschauen – ein Teil des Wassers ist wie ausgestanzt, und es ist so anstrengend, daraus ein Ganzes zu formen. Der Rest des Wassers ist weiß und gold und sieht sehr schön aus. Schwäne bewegen sich darin wie selbstverständlich, als sei diese Art von Wasser eigens nur für sie geschaffen, die Könige mit ihrem blauen Schatten im Gefieder. Niemand sonst darf dort hin, das dulden sie nicht. Nachmittags ist nichts mehr davon übrig. Dann hat das Wasser sich ergeben und alle Härte aufgegeben und atmet sich aus, in den weißen Dunst, in die Hitze über dem Spiegel. Kein Schiff will hinaus, und die Schwäne sind nicht mehr da. Da hinten ist ein alter Trawler, der keinen Dienst mehr versieht, sondern nur noch Leute über dem Wasser hin und her bewegt, die Wurst, Butter oder Fisch kaufen und mit Sonnenbrillen in ein Loch im Boden starren, wo leere Kisten stehen. Aber nicht heute. Heute nicht. Heute kann ich nicht einmal das Wasser sehen. Heute gibt es dich gar nicht, du Wasser. Heute gibt es keine Milch, kein Wasser, keine Kinder, und Verkehr ist auch nicht auf der Straße. Das Haus gegenüber ist auch verschwunden. Vielleicht haben sie es abgerissen seither. Ich trau mich da ohnehin nicht mehr rüber. Als Kind wollte ich da immer rein.

Frage 3: Wofür sind die Hallen da?

Ich stand auf Zehenspitzen vor den Fenstern und in den Fenstern standen Dinge, die ganz so aussahen, als lebten normale Leute im Haus, besonders musste es da einen geben, der sich viel rasierte, ich glaube der Rasierpinsel und der Nassrasierer wanderten immer von einem Fenster zum anderen, und folglich musste der Mann eine schöne glatte Gesichtshaut haben, die sein Gesicht ganz hart machte, wie einen Speckstein. Aber – das muss ich zugeben – die Fenster waren voll Staub, blind sagt man wohl, und ich meine, sogar nicht ganz heil, und der Rahmenlack war splittrig vom Regen. Gestern war's doch noch so. Die Leute geben auf solche Dinge nicht acht. Ein bisschen Staub gibt es heute, und in der Ferne eine Siedlung, die nicht schön ist. Aber wenigstens haben die große Balkone, aber nur nach Norden. Ich weiß nicht, was die sich dabei gedacht haben. Die Balkone sehen aus, als strengten sie sich an, zu uns rüberzuschauen, ich meine zu mir und zu den Zachariachens,

Frage 4: Was machen die Kinder in den Siedlungen?

die heute nicht da sind, und mir vielleicht sowieso keine Milch geben würden. Ich bin mir da nicht sicher, obwohl wir uns ja sogar einen Garten teilen, der hinter dem Haus liegt. Ich meine, die tun so, als ob die Gemüsebeete nur ihnen gehören. Ich bin zu ermattet, um nachzusehen, aber ich glaube, es kann doch auch heute kein Gemüse mehr dort wachsen, unter diesem hässlichen Licht, unter dem unser Zaun plötzlich ein ganz freundliches Potenzial entwickelt. Schlimm.

11. Juni 2016