Stolz zerfällt von unten

Frieda stand auf dem obersten Deck und blickte in eine weite Inselwelt. Das waren unbewohnte Flecken oder karge Häuflein, auf dem ein, zwei oder drei Häuser beieinander lagen; an Anlegestegen wehten zuweilen lange spitze Flaggen, in denen sich die Folklore der Inselbewohner ausdrückte, verlassene Lieferwagen und Lastwagen mit Werbeaufschriften hielten sich im zerzausten Gebüsch oder hinter grauen Verschlägen versteckt, nur selten sah man auf den Brücken oder Fähren jemanden vorbeifahren, aber weiter vorn kündigte sich durch einen einsamen Horizont das offene Meer an. Seevögel schrieen, die Bugwelle rauschte, Rauch und Fahne flatterten in einen glasklaren Tag, der Himmel strebte aus einem sanften Gelb in ein körperloses Blau hinauf, unendlich hoch, sehr weich, nur dort, ganz oben durchstochen von der Nadel eines Düsenjägers. Das Meer war schön, und Frieda vergaß beinahe, dass sie hierher entführt worden war, ohne Spur des Entführers.

Wenn man auf See ist, hätte man nichts zu tun als abzuwarten, bis der nächste Hafen kommt. Man könnte jeden Tag ausschlafen, man könnte das Frühstück bis zum Nachmittag ausdehnen, man könnte an die Reling treten und Vermutungen darüber anstellen, wie wohl das Wetter sich entfalten wird, man könnte mit seinen Kameraden palavern, trinken, Karten spielen und sein spärliches Geld verzocken. Man könnte auf seine Kameraden ganz und gar verzichten. Das Schiff existiert nur, damit die Ladung verschifft wird, ansonsten existiert es, damit man als Passagier existiert, weiter bietet das Schiff nichts an. Also könnte man auch den leeren Fernsehkanal ansehen, sich wiederholende Touren durch die Gänge machen, mit einem Stöckchen gegen geschlossene Türen schlagen, pfeifen, Reime aufsagen und sich gute Lektüre vornehmen, weil es, wie man sagt, auf diesem Schiff auch einen Leseraum gibt. Das alles könnte man tun, wenn das Schiff nicht unendlich viel Pflege erforderte, sonst fällt es mit der Zeit auseinander. Ein Schiff vermodert schneller als der Körper eines umherziehenden fünfzigjährigen Obdachlosen, der kein Geld für den Zahnarzt hat und froh ist, sich einmal in der Woche gründlich rasieren zu können, dessen Hirn und Leber so außer Gefecht sind, dass er gegen den Geruch und das Jucken unempfindlich geworden ist und den zunehmenden Zentimeter-Abstand zu anderen Menschen, die ihm in den U-Bahnen nicht gegenübersitzen wollen, nicht mehr zur Kenntnis nimmt, Bahnen, mit denen er zuweilen zwanzig Mal am Tag hin und her fährt, vom See zur Siedlung und wieder zurück, durch den langen Tunnel der großen Stadt am Meer. Sein dicker Kopf schaukelt von rechts nach links, wie auch oben die Schlaufen an den Stangen schaukeln, die Räder zirpen in den Schienen, und wenn er müde geworden ist, lehnt sein Blick an der Scheibe, in der er, auf der anderen Seite, die jetzt schon seine ist, im Schatten des grünen Lichtes kaum die dunklen Falten seines Gesichts sehen kann, das braun ins Dunkel der jenseitigen Wand versinkt.

Er hat keine Ahnung, welche Großmacht die Stadt gerade über ihm erhebt: die würdige Universität, das alte Rathaus mit seinem Turm, Doppelwalmdächer, Gauben und spiralige Spitzen, die Straßenzüge mit ihrem roten Backstein, eine Front, die als Arrangement von weißen Strichen aus Fensterrahmen und -simsen, weißen Etagenabtrennungen und steilen Firstumfassungen vom Meer kommend den Eindruck belebter unregelmäßig gestreifter Ordnung vermittelt. Rote und kupfergrüne Dächer, die verhindern, dass die zäsierten Striche mit den Häusern in die Luft fliegen, senken sich schwer auf dieses Spiel, die brütenden Mütter der inneren Stadt. Und unter fast jedem dieser Dächer ist ein Haus, das den Namen eines Mächtigen oder eines Heiligen hat.

Darunter gibt es ein bewegliches Netz aus Licht, in dem der Verkehr ununterbrochen fließt und in dem gerade jetzt ein Krankenwagen unter dem verschnörkelten Portalbogen einer kaufmännischen Barockbrücke rast. Das alles nimmt der Mann unter der Erde nicht wahr; er weiß nicht, dass er übermorgen als Folge der Vermoderung und von zuviel Für-sich-Sein auf einem Container-Umschlagsplatz gefunden und dass er mit einem ebensolchen Krankenwagen über dieselbe Brücke gefahren werden wird. Und dass er die Geschichte aber überleben wird. Hier wird unter und über der Brücke ein Kreuz aus Gegenwart und Zukunft geschlagen, und das wird ihm Glück bringen, soweit es sein klägliches Am-Leben-Sein betrifft. Dieser Mann ist sowieso nur ein Beispiel, das zeigen soll, dass der Mann trotz mangelnder Pflege weit zäher ist als ein starkes Schiff von vielen Tausend Tonnen, das bei gleicher Pflege in viel kürzerer Zeit schon verschrottet werden muss. Auch ein Schiff kann z. B. einen Bart bekommen, einen gefährlichen Bewuchs aus tückischen Muscheln, die das Schiff immer schwerer werden lassen und es unablässig in die Tiefe ziehen, wie uns das Schicksal der bedauernswerten Heart of Light in Lemprière's Wörterbuch zeigt.

31. Juli 2016