Postkarte

Irgendwann, noch zu Studentenzeiten, habe ich mal eine anonyme Postkarte bekommen. Auf der Vorderseite waren altmodische Vögel abgebildet, verspielt, für Mädchen und ganz und gar nicht wie diese ornithologische Lehrtafel, die uns die Vogelwelt der Ostsee erklärt. Ich habe die Postkarte jahrelang aufbewahrt und drei meiner Freunde in Verdacht, sie geschickt zu haben. Der Verdacht entstand durch die Handschrift, in der sie geschrieben war: eine ungeübte, sehr krakelige Handschrift; eigentlich eine Schrift, die von einer widerwilligen Hand notiert wurde, und die mürrisch und großkotzig mit ihrer Krakeligkeit übertüncht, dass sie eigentlich ganz kindlich und unbeholfen ist. Wie dem auch sei: Die Postkarte habe ich schon lange nicht mehr, aber dies sind die Zeilen, die ich vorfand:

Der Bruder Korn, ein Landvermesser,
nahm in der Nacht sein Fahrtenmesser
und schnitt den Lämmern auf der Weide
die Kehle durch. Die Eingeweide
verbriet die Köchin, die im Keller
als Mamsell diente und als Hüter
von ausgedienten Geographenmägen.

Da klingt natürlich sofort "Das Schweigen der Lämmer" an. Trotzdem sind die Zeilen einen Blick wert, auch zum Teil wegen der merkwürdigen, etwas steifen Doppelung "Messer". Warum ist der Landvermesser ein Bruder? Ist er ein Mönch, hat er etwas Mönchisches, hat er tatsächlich einen Bruder und steht im narrativen geschwisterlichen Verhältnis zu demjenigen, der die grausamen Zeilen äußert? Das Wort "Mamsell" lässt auf das 18. Jahrhundert schließen. Warum verbringt eine Haushälterin ihre Zeit im Keller und nicht oben im Haus, wo normalerweise eine Küche untergebracht ist? Der Keller ist wohl ein nützlicher Ort für eine so unangenehme Tätigkeit wie das Ausweiden. Das Innerste wird nach außen gekehrt, findet aber im Innersten statt. Das Wort "verbraten" deutet an, dass hier etwas verschwendet oder zweckentfremdet wird, was sonst auch nur wieder weggeworfen würde. Außerdem kann man ahnen, dass auch weitere Tote im Spiel sind: da gibt es Mägen von Geographen, deren Beruf im Weitesten verwandt mit dem des Landvermessers sind. Sie sind ausgedient, das heißt ihr Dienst wird nicht mehr benötig, sie brauchen nicht mehr zu verdauen, vermutlich, weil ihre Besitzer tot sind. Oder es bedeutet auch: die Geographen selbst werden nicht mehr benötigt, daher vielleicht beseitigt? Wurden sie vor ihrem Tod noch gebraucht, benutzt, missbraucht? Aber warum, und dies nun das tiefe Geheimnis, warum werden die Mägen gehütet? Vielleicht sind sie kostbar? Vielleicht sind sie ein Schatz, ihrer Nutzlosigkeit zum Trotz? Man kann nur rätseln!

14. Juli 2016