Lichterwirrwarr

Die Offiziere waren nun schon eine Zeit lang fortgewesen, und nichts geschah, was Frieda zurückbringen konnte. Im Gegenteil: Das Schiff fuhr unbeirrt weiter, und dazu noch ganz unbeaufsichtigt. Es war stockfinstere Nacht, und man konnte jederzeit mit einem Hindernis kollidieren oder irgendwo auf Grund gehen: ein Laie konnte das ja nicht wissen. Was also sollte Frieda tun, wenn sie nun einmal voraussetzte, dass das Schiff, nachdem die Führungsriege davongestoben war, jetzt ganz unbeaufsichtigt war? So ein großes Schiff! Sie konnte ja nicht einfach annehmen, dass alles schon seine Richtigkeit haben, in Anbetracht der Tatsache, dass man allein ihren bedeutungslosen Fall schon mit einer solchen Inkompetenz behandelt hatte; es kam ihr sogar so vor, als sei nicht nur sie, sondern auch das verantwortungslose Personal auf dem falschen Dampfer, also war ihr die Angelegenheit nicht geheuer. Es gab hier offenbar nicht einen einzigen Menschen, der überhaupt nur irgendeinen Dienst versah.

Deshalb schaute sie sich auf der Brücke um, zunächst einmal, um in Erfahrung zu bringen, ob irgend etwas an Gerätschaft vorhanden war, das sie kannte; es waren aber unendlich viele Geräte hier, es leuchtete allenthalben von den Skalen und Schaltern herunter, die ihre Funktion nicht verraten wollten. Und als sie doch anhand der Firmenbezeichnungen wenigstens den Zweck eines Apparates begriff, wusste sie noch immer nicht, wie sie ihn bedienen sollte. Sie hatte immerhin schon einmal gehört, dass ein Radargerät Hindernisse orten könne, und es war ja gerade von allergrößter Bedeutung, denen auszuweichen, denn in gerammter oder sogar untergegangener Verfassung würde sie erst recht nicht nach Hause kommen. Sie stellte sich das Gerät als dunkelgrün bis schwarz schimmernde Scheibe vor, auf die ein Lichtstrahl einen helleren Fächer schraffierte, in dem ab und zu etwas Leuchtendes auffunkeln müsste in einer Farbe der Ziffern des Großmutter-Weckers. Dann würde der Fächer vom Dunkeln fortgespült werden und von unten wieder heranrollen, dort wo das Auge sich einmal festgesetzt hätte, um nicht dem endlosen Herumdrehen Folge leisten zu müssen. Hier gab es aber keine solche Scheibe: Sie wäre Frieda sofort aufgefallen. Übrigens: Wie hätte man diese Flecken zu lesen? In welcher Himmelsrichtung lagen sie? Wäre „oben“ auf der Scheibe eigentlich Nord, und wenn ja: in welche Richtung fuhren sie mittlerweile? Oder war „oben“ die Richtung, in der sie sich bewegten? Welche Entfernung zeigte so ein Leuchten an? Frieda machte einen Kasten aus, an dem eine in die Luft ragende Tüte befestigt war, die sich gut zum Hineingucken geeignet hätte. Vielleicht war das der Radar?

Nun war die Tüte leider so hoch für sie, dass sie den zurückgeschobenen Stuhl zu Hilfe nehmen musste, damit sie ihr Gesicht hineinstecken konnte. Tatsächlich sah hier vieles so aus wie sie es sich eben ausgemalt hatte, nur erkannte sie nichts. Sie blieb gefesselt stehen und blickte in das Wunder ihrer Vorstellung hinein, das hier soeben greifbar geworden war, und schlief beinahe in der Tüte sein; da schreckte sie auf einmal über dem Kasten hoch, denn ihr dämmerte, dass das Gerät den Namen ihrer Küste in den weit entfernten Rand eines Kreises schrieb, deren Mittelpunkt sie selbst war, so wie ein Leuchtfeuer auf einer Insel im Herumdrehen Küste, Meer und Horizont abtastet. Dies hatte sie mit einem Mal entziffern können. Im selben Moment sah sie auch, dass keine Gefahr eines Zusammenstoßes bestand, weil es außer der Küste nichts gab, denn der Strahl fegte ohne ein einziges Aufblitzen über das Meer hinüber. Es war ganz und gar schwarz.

Da konnte sie langsam den Kopf heben, um aber sofort in die Tüte zurückzufahren, weil es draußen, im Gegensatz zu dem, was sich ihr gerade mit Hilfe des Schirms erschlossen hatte, von Lichtern nur so wimmelte, die von Schiffchen jenseits zu kommen schienen, was aber gottseidank nur ein Irrtum war, der seine Ursache in den Reflexen der Instrumente auf den großen Fenstern der Brücke hatte. Tatsächlich war es hinter diesen so finster wie in der Tüte und sogar noch viel finsterer; kein Leuchtfeuer brannte irgendwo, kein Scheinwerfer zeichnete sich ab, kein Himmel zeigte einen matten Glanz über dem dunklen Wasser, kein Stern schien und auch kein Mond, keine Schaumkrone wuschte, aufgequirlt durch die unten liegenden Bullaugen im Dustern herum. Kein Blitz wollte blecken, kein Irrlicht geistern. Maßlos schwarz war es wie in einem bodenlosen Raum. Dabei wiegte sich aber das Schiff leicht nach vorne und hinten, und man hörte deutlich, wie ab und zu die Gischt auf das seitliche Deck aufklatschte, denn es war hier oben ganz leise, bis auf ein zartes Zirpen und das zurückhaltende Sirren und Klacken der Apparate. Vom markerschütternden Knurren der Motoren konnte man an dieser Stelle kaum noch etwas wahrnehmen: das hatte sich zu einem tonlosen blechernen Vibrieren verflüchtigt, das sich mühelos den vorhandenen Geräuschen unterordnete. Eines leuchtete immerhin noch hell aus allem hervor: das gesamte Deck vor und hinter der Brücke mit all seinen Luken, Masten und Leinen, von allen Seiten mit den ordnungsgemäßen Lampen abgesteckt.

Als Frieda sah, dass alles ruhig blieb, dass niemand sich mehr auf die Brücke bemühte und dass sich offensichtlich niemand zu kümmern brauchte, dachte sie auf ihrem Stuhl, dass sicherlich die Mannschaft schon lange auf See war und dass die Verantwortlichen wohl einzuschätzen wussten, was sie ihrem Gefährt zumuten konnten und mit welchen Bedrohungen und Gefährlichkeiten sie zu rechnen hatten. Deshalb stieg Frieda herunter, um sich unter die Menschen zu begeben, wenn sie schon nicht den Kapitän zu fassen bekam, der ihr als ehester die Lage und das weitere Vorgehen hätte erklären können.

Hinter der nächsten, leicht um die Längsachse gewölbten Tür befand sich ein weiteres Wunder, das sich aber erst um einiges später in seiner vollen Wirksamkeit vor ihr entfalten sollte. Das Zimmer nahm sie mit einem knisternden und leicht klopfenden Ton in Empfang, der wahrscheinlich von einem sich eben erwärmenden Ofen ausging. Gleichzeitig wurde es oben durch ein schwaches Glimmen erleuchtet, verstreut von einer vollständig schwarzen kreisrunden Fläche, die offensichtlich vielfach allerfeinst durchlöchert war und hinter der sich wohl eine Lichtquelle befand, die ihre haarfeinen Strahlen durch dieses sich solchermaßen darbietende Sieb schickte. Frieda trat nun unter die Mitte dieser merkwürdigen Leuchte, die dicht über ihrem Kopf ihr hell durchstochenes Feld in alle Richtungen an die Wand schickte. So nah hing alles über Frieda, dass sie unwillkürlich die Finger heben musste, um zu betasten, wie alles beschaffen war. Zu ihrem Erstaunen reichte die Hand weit über die geschätzte Entfernung hinaus, ohne ein Hindernis, etwa einen davor gespannten Papierschirm, mit den Kuppen durchstoßen zu haben. Und weil von ihrem Standpunkt aus die Winkel zwischen den Pünktchen auch nach dieser Erkenntnis gleich blieben, fühlte sie in sich jenes, was sie für eine durchstochene Fläche gehalten hatte, jäh in einen um Lichtjahre entfernten Raum zurückzucken, und zwar auf eine Art und Weise, die sie völlig albern und blöd dastehen ließ, so gründlich war die Täuschung gewesen.

Jetzt sah sie ein, dass sie das unendliche Weltall mit all seinen Sternen, die sich über dem Meer und dem Schiff ausbreiteten, mit einer ganz gewöhnlichen Funzel verwechselt hatte. Solch eine Erschütterung musste man erst einmal verkraften. Je mehr sie nun über diese Peinlichkeit meditierte, desto mehr gewöhnten sich ihre Augen an das fast völlige Dunkel, bis sie, in der Betrachtung des Himmels vertieft, auf einmal bemerkte, dass auch mit diesem etwas nicht stimmte. Es wehte ja kein Windhauch von außen herein, es war nicht kalt von der Nacht, also musste das Zimmer geschlossen sein, damit es die Wärme halten konnte. Frieda war nun in der Lage, die wirkliche Höhe der umliegenden Wand zu bestimmen Wenn also das Zimmer mit einer Glasplatte bedeckt gewesen wäre, hätte sie trotzdem bei ihren Untersuchungen auf einen Widerstand stoßen müssen, was ja nicht geschehen war. Es blieb also noch die Möglichkeit, dass man alles mit einer Kuppel überdacht hatte. Um das zu überprüfen, ging sie schnurstracks zur Wand hinüber, an der die Überdachung auf das Zimmer treffen musste. Und wirklich: an dieser Stelle kam ihr auch das Glas entgegen, das sich schnell zur Mitte hin verlor. Als sie nun mit dem Finger das glatte Glas entlang fuhr, um die Wölbung der Kuppel nachzuvollziehen, stieß sie beim Vorübergehen an den Sternen auf etwas, das kaum ihre Aufmerksamkeit gefunden hätte, wenn sie nicht gleichzeitig mit der Bewegung des Rumpfes und des Kopfes auf einmal die absolute Starre der Sterne in Verhältnis zum Zimmer wahrgenommen hätte, von denen keiner jemals aus ihrem Gesichtskreis geriet, egal wie nah sie an die Wand rückte; und auch sein relativer Abstand zur Wand änderte sich nicht, wie das bei subjektiv weit entfernten Gegenständen der Fall ist. Dadurch hatte sie plötzlich den Eindruck, dass draußen das gesamte Firmament mit dem Schaukeln ihres Körpers Übereinstimmung gefunden hatte, dass also das gesamte Himmelszelt synchron zu ihren Bewegungen um den Erdball herum- und zurückschwang. Wie sie nun noch dazu ihren Finger auf Höhe der Sterne vorbeiführte, beobachtete sie, dass diese einen schwachen gelblichen Glanz auf den Finger strahlen ließen. Da krampften sich in umgekehrter Richtung wie vorhin alle Sterne blitzschnell und schmerzhaft in ihr zusammen und fanden letztlich auf einer Kuppel Platz, die sie nun wiederum – es war schwer, erneut den Fehler einzusehen – schon wieder als Lampe identifizieren musste. Zum zweitenmal wurde sie von der Peinlichkeit ihres optischen Unvermögens geschüttelt. Sie sah also jetzt, dass sie einer durchlöcherten Halbkugel auf den Leim gegangen war. Aber auch hier nahm der Unfug noch kein Ende. Mittlerweile konnte sie nämlich fast alle Gegenstände des Zimmers einwandfrei erkennen; sie standen im Schein des falschen Himmels wie von Goldpuder überzogen: in der Mitte ein Kartentisch, auf dem Zirkel und Lineal lagen, an der Wand einige gebogene, der Kreisform des Zimmers entsprechende Glasvitrinen, in denen mikroskopartige Instrumente schimmerten, einige unförmige nächtliche Geräte. Nach wie vor ließ die unheimliche Beleuchtung ihr keine Ruhe. Immer feinere Einzelheiten wurden an ihr sichtbar. Als erstes sah sie, dass die Pünktchen nicht in, sondern hinter dem Glas lagen. Dann wurde ihr klar, dass das Glas rundum mit Figuren verziert war, die den Tierkreis und die Sternbilder darstellen sollte, aber diese waren nicht in das Glas eingeschliffen, wie sie zuerst vermutet hatte, sondern sie befanden sich ebenfalls dahinter, und zwar dermaßen. dass die Konturen der Sternbilder aus allerzartestem Gold- oder Messingfaden tatsächlich regelrecht auf das Glas aufgestreut lagen. Nun eröffnete sich aber auch die Natur der Lichtchen selbst: Man hatte sie nämlich nicht in einen Untergrund eingestochen, sondern sie wurden aus scheinbar frei schwebenden allerwinzigsten Birnchen und Lämpchen gebildet, die man in Form des sichtbaren Sternenhimmels über der Kuppel angeordnet hatte. Sie waren auf dünnste Verkabelungen aufgesteckt und auf kleine Rädchen aufgelagert, die ihrerseits in unvorstellbar klein gezahnte gebogene Schienen, griffen, die in sich wiederum aus einer unübersehbaren Anzahl von ineinandergefassten, aber beinahe nahtlos miteinander verschmelzenden, untereinander beweglichen Einzelgliedern bestanden. Diese Schienen steckten nun in glatten Laufbögen, die sich kreuz und quer über die Kuppel zogen. Mitten über die Kuppel reichte ein unregelmäßiger Streifen milchigen Staubes, durch den die Lichter wie durch Nebel schienen. Aber jetzt erlebte Frieda die dritte Erschütterung unter der trügerischen Kuppel. Je mehr Zeit verstrich, desto mehr wurde sichtbar, dass die Lichter sich auch noch bewegten, und hierin lag der größte, zu allen Widerständen auffordernde Schock: dass Frieda sich nämlich auf allen nur denkbaren Linien über die wirkliche Natur des Gebildes geirrt hatte, dass sie völlig fehl gelaufen war, dass dieses Sternenabbild noch nicht einmal nur ein Modell war, sondern in seiner Beweglichkeit die Künstlichkeit sogar überschritt. So etwas konnte man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht gesehen hatte. Frieda trat ungläubig zurück, ohne zu beachten, dass sich unmittelbar hinter ihr ein Abgrund befand. Buff.

Hier war es plötzlich wieder stockfinster. Kein Lichtschein fiel mehr auf den Boden hinab, noch war von der oben liegenden Beleuchtung mehr zu merken als die halluzinatorische Ahnung eines körnigen Flimmerns, das sich mit dem Kreisen abwechselnd purpurfarbener und grüner Ringe, die konzentrisch aus dem Innern der Augen hervorquollen, vermischte. Es war so eng, dass sich vorne die kalten Kanten einer nur leicht geneigten Steige, an der zu allem Überfluss auch noch ein Geländer angebracht war, in die Schenkel und in den Brustkorb hineinquetschten, und sich von hinten eine Türklinke bis zum Gehtnichtmehr ins Kreuz presste. Jedes dieser Hindernisse gab einen teilweise klebrigen, teilweise metallischen Duft von sich. An Umdrehen oder Hinaufsteigen war nicht mehr zu denken.

Frieda verbrachte wohl einige Stunden in ihrer eckigen Grube, so kam es ihr jedenfalls vor, ohne dass die Finger die Türklinke hinter ihrem Rücken zu fassen bekamen: Dazu hätte sie die Ellenbogen knicken müssen, aber das funktionierte leider nicht.

Draußen, auf der anderen Seite der Tür, tobte mittlerweile der Bär. Dort lag nämlich die Messe, und es war prächtig aufgebackt worden. Die drei Offiziere hatten sich vor eine neue Hähnchenportion gesetzt, die sie mit puckligem Rücken, genau wie eben auf der Brücke, zu verdrücken versuchten. Andere schwangen das Tanzbein, obwohl im ganzen Getöse des Raumes nichts weiter zu unterscheiden war als etwas verschwommen Rhythmisches, denn oben unter der Decke spielte die aus lauter Damen bestehende Bordcombo, die man dort aus Platzersparnisgründen mitsamt ihrem Podest an Flaschenzügen hinaufbefördert hatte, während aus fünf Fernsehern verschieden Videoclips rollten, die sich kreuz und quer ein Gefecht lieferten. In der Messe breiteten sich deshalb mal langsam ineinander übergehend, mal bräunlich hin- und herflackernd, Farbgüsse aus, die den einzelnen Bildschirmen entstrahlten; schnell war der Raum in Blau, Rot oder Grün getaucht, dann leuchtete es wie von einer glühenden Sonne beschienen, minutenlang brannte aber auch nur das Neonlicht. Hin und wieder sah man in den Fernsehern einzelne wie Kinder gekleidete erwachsene Menschen sprechen, und ihr lächelndes Gesicht war unverrückbar in der Mitte des Bildes fixiert, in selbstbewussten Kinderdreiklängen fremde Sprachen sprechend, mit Oberkörpern, die sich diagonal über den Bildschirm zogen, indem sie die eine oder die andere Schulter recht oder links auf- oder niederzucken ließen, obwohl die Hände verlegen in den Schoß gewunden waren. Auf ihren Befehl hin gingen die Lichtschwälle dann einen neuen Gang, so dass es in allen Winkeln, allen Gläsern und auf allen Speisen flammte. An einem Tisch stieg das wechselnde Feuer dermaßen vom Boden auf, dass die Platte in ihrer ganzen Klarheit aus dem dunkleren Teil des Raumes hervortrat, und man sah, dass auf dem Viereck viele dunkelblaue Beine ausgestreckt lagen, konnte dann beobachten, wie sich nacheinander Flaschen aus ihr herauslösten, von dunkelblauen Armen an nun erst sichtbare spitze Mundrundungen gehoben, und mit der Erkenntnis schließen, dass sich hier ein anderer Teil der Mannschaft zurückgelehnt hatte. Wer nicht mit der Schlemmerei, dem Tanzen oder Schlimmeren beschäftigt war, spielte Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder Black Jack, schwatzte vor sich hin oder schrieb einen Brief an die lieben Verwandten. Tatsächlich war die Messe so voll, dass die einzelnen Aktivitäten sich aus ökonomischen Gründen sehr kunstvoll miteinander verschränken mussten. Beispielsweise fand ein Tänzer auf der bedrängten Tanzfläche keinen Platz mehr, weil er diesen dem Schiffskoch räumen musste, der wiederum in der Fülle sich nur ausgerechnet diesen Weg freimachen konnte, unterdessen ein dritter Mann, dessen Abwesenheit vom Spieltisch dem ersten gerade den Platzwechsel ermöglicht hatte, sich auf der Toilette aufhielt. In der Regel ging nun der Tänzer bald dazu über, selbst zu den Karten zu greifen und dem gestockten Fluss des Spiels auf die Sprünge zu helfen, weil die Tanzerei die am Tische sitzenden in kleinere Unbequemlichkeiten brachte; den Verursacher der Unbequemlichkeiten aber auch. Die gerade erst sortierten Beine wurden dann sofort dienstfertig von der Platte geräumt. Gleichzeitig beendeten auf der gegenüberliegenden Seite die Offiziere ihre Mahlzeit, deren Knochenreste sie durch den Mann, der eben aus der Toilette kam, in die Küche zurückgehen ließen.

Nun erhoben sich der Kapitän und seine beiden Vertrauten, indem sie die Servietten auf den Tisch sinken ließen und glitten durch die Masse der Tanzenden, die sich mühelos vor ihnen teilte, auf die Spieler zu, die abwesend, weil sie eben noch die Partie schon halb erhoben beendeten, den Platz für sie räumten, ohne die so geehrten dabei anzusehen. Als das letzte Blatt gefallen war, sprach der Kapitän:

„Nach dieser Stärkung bin ich endlich in der Lage, ein Dilemma in Angriff zu nehmen, das ich nicht verschuldete. Ich möchte die Mannschaft, deren Nachlässigkeit mir diese Last auftrug, bitten, mich nach allen Kräften zu unterstützen.“ – Da durchlief eine Welle der Stille die Messe bis zum letzten Mann, und auch die Lautsprecher verstummten. Der Kapitän, der sich zu einer Erklärung veranlasst sah, fuhr mit konzentriert gerunzelter Stirn fort:

„Wir sind in eine blödsinnige Lage geraten. Ein Freund sollte mit seinem Schützling an Bord kommen:Nun wurde er aber von seinem Mündel getrennt, so dass er auf dem Wasser zurückblieb, während wir schon losgingen. Keiner hatte bemerkt, dass nur die Kleine aufs Schiff gehoben worden war, und zwar aus Gründen, die bisher noch nicht erforscht werden konnten, die aber ich als Oberhaupt über das Schiff und alles, was auf ihm, mit ihm und mittels seiner geschieht, zu verantworten habe. Ich weiß im Augenblick weder, wie ich die Lage rechtfertigen soll (es gibt auch keinen, vor dem ich sie rechtfertigen könnte; der einzige, für den eine Erklärung von Interesse wäre, ist der Freund, dem eine solche Rechtfertigung gar nichts nützt), noch weiß ich, wie ich das Ganze wieder gut machen soll.“

Hier begann die Mannschaft wegen der aufgeworfenen Fragen ein zögerndes ratloses Murmeln, das von den Offizieren, die nun selbst die Köpfe zusammensteckten, nur am Rande zur Kenntnis genommen wurde. Da brüllte es von hinten über die immer heftiger werdende Debatte hinweg: „Was ist das jetzt uns? Wir hätten umkehren müssen, aber solange Sie es nicht befohlen haben, Käpt’n, ist es auch nicht passiert. Was verplempern wir hier unsere guten Ideen?“ Alle duckten sich unter der Unverschämtheit des groben Wortes. „Sie sind es, der es wusste, nicht wir, also machen Sie den Vorschlag!“ – „Genau,“ gaben einige zu bedenken, „umkehren hätte sein sollen.“ Und einer wandte ein: „Warum sind wir denn nicht umgekehrt?“

„Ssssssst!!!“ zischte der Kapitän in einer Lautstärke, welche schließlich alles im Raum zum Schweigen brachte, auch die Damen, die als letzte noch in ihre hohlen Instrumente hineinkicherten: „Zu spät!! Man konnte nicht mehr umkehren! Es waren ja schon zwei Stunden vergangen, als der Verlust Mandels – so heißt der Mann – gemeldet wurde, und eine Rückkehr an den Ort, wo er uns verschwunden ist, hätte zwei derselben Stunden erfordert. Zu diesem Zeitpunkt wäre Mandel sicherlich schon längst an Land zurückgekehrt, denn der Mann, der klüger ist als meine Mannschaft und sich ausrechnet, dass, je weiter die Stunde rückt, um so geringer die Wahrscheinlichkeit seines Aufsammelns vom Wasser ist, hätte eine Rückkehr an Land einem sinnlosen Warten auf See vorgezogen. Wenn er aber nicht zurückgekehrt ist, weil er so klug ist, mit der Dummheit meiner Mannschaft zu rechnen, die auch dann noch umkehren will, wenn es völlig unsinnig ist, so wäre dies um so schlimmer, denn was einmal auf See verloren ging, zumal im Dunkeln, braucht oft Tage, ja Monate, bevor es wieder auftaucht. Darüber hinaus hätten wir noch etliches an Zeit geopfert mit Wenden, Suchen, Hinaufhieven, Rückgängigmachen, Erklären, Versichern, Verhandeln, Beschwichtigen, Um-Verzeihung-Bitten, Bekräftigen, Starten, Aufs-Neue-Wenden usw. In dieser Minute würde sich übrigens die Zeit der Rückkehr, die hier allerdings verplempert wird, auf fast sechs Stunden addieren, nicht eingerechnet die eben geschilderten Manöver.“ Dabei blickte der Kapitän grimmig lächelnd auf seine Uhr, so dass die Aufsässigen sich schämten und insgeheim erleichtert seufzten, weil sie zum Glück nicht umgekehrt waren. Es kam leichte Bewegung in die Mannschaft, die in einem Kreis auf die Offiziere und den Kapitän zuwogte und sacht wieder zurückwehte. Da meinte einer leise, ein kleiner Mann, der lässig an einem Tisch sitzengeblieben war und sich mit einem silbernen Kamm die Nägel reinigte – er war gemeinhin als Besserwisser bekannt:

„Tja, das wäre dann genau die Zeit, in der die Fischer dort hinausfahren mit ihren Netzen. Und hier liegt das eigentliche Hindernis. Man muss sich das so vorstellen: Die sind da draußen, alles konzentriert sich noch auf den Decks, wo im Scheinwerferlicht alle Vorbereitungen getroffen werden. Da besteht natürlich keine Gefahr: man sieht sie über Meilen als Lichterhaufen am Horizont, und der Rest des Meeres rückt ins Nichts in der Erwartung eines Zusammentreffens mit ihnen. Aber plötzlich gehen die Lichter aus, und schlagartig verdeutlicht sich die ganze Weite der See, denn überall können nun Schiffe sein, stimmt’s, auf jedem Punkt des Wassers ist nun ein Zusammenstoß möglich, das Meer eine einzige Falle. Und das ist auch genau die Absicht, obwohl nur die Fische als Opfer dieser Finte gedacht sind. Aber es kann natürlich auch andere treffen. Folgendes passiert nämlich: nachdem alle Lichter aus sind, herrscht strengstes Redeverbot, alles verhält sich mucksmäuschenstill, alle Motoren sind aus, aber trotzdem rauschen die Kutter noch ein gutes Weilchen in der Vordämmerung dahin. Viele dunkle Schiffskörper sind so auf dem Weg – ich sah einmal Wale, die sich auf ähnliche Weise verabredet hatten. Es ist klar, dass kein Fischlein merken soll, was da oben vor sich geht, die Fische sollen denken, die Boote sind weg. Wer aber aufmerksam die Ohren spitzt, wird hören, dass die Stecken der aufrecht sich bündelnden Fähnchen, Schwimmer und Stangen, also die ganzen Netzmarkierungen zusammenrasseln und zusammenklacken. In Wirklichkeit verhindern ja Hunderte von Schiffsbäuchen auf dem Wasserspiegel das rechte Herabdringen von Licht. Die lauern da alle. Und – zack! – plötzlich werden alle Netze auseinandergezogen, und die Fische sind in der Falle. Aber vorher wird noch stundenlang gewartet. Einmal sah ich ein Frachtschiff zu dieser Stunde dort eintreffen: Die Netze verhedderten sich in den Schrauben und wurden zerfetzt, die Schrauben selbst und die kranke Maschine waren unbrauchbar, überall schwammen die Leichen der kleingerissene Fische.“

„Es kann doch nicht möglich sein, dass man die Boote nicht gesehen hat?“ fragte der, der eben so vorlaut sich zu Worte gemeldet hatte.

„Doch, es ist aber so,“ antwortete der Mann mit dem Kamm. „Das Frachtschiff war so groß, dass es die kleinen Schifflein zu seinen Füßen nicht gesehen hat (genauso, wie du den Staub nicht siehst, den du beim Gehen aufwirbelst), und das Ende war, dass riesige Schadensersatzforderungen auf die Reederei zukamen, weil ja jetzt die Fischereiflotte wieder ausgerüstet werden musste, von dem Verlust der Fische gar nicht zu sprechen. Dass kein größeres Unglück geschah, war übrigens der Geistesgegenwart des Rudergängers zu verdanken, aber am Unglücksort konnte man tatsächlich kaum die Hand vor Augen sehen.“

„Wie ich’s sage,“ nahm nun der Kapitän ärgerlich den Faden wieder auf, um mit seinen Ausführungen zu Ende zu kommen. Er schmetterte jetzt rigoros alle Bemerkungen ab, die ringsum auf ihn einfuchtelten. „Wahrscheinlich wurde uns sogar ein ähnlicher Unfall erspart. An Umkehren ist auf keinen Fall zu denken. Wenn wir also nicht rückwärts fahren, fahren wir eben vorwärts und gehen gegen den Hafen, den ich mit Mandel vereinbart hatte. Denn wenn auch sein Auftrag durch unsere Nachlässigkeit gescheitert ist, so bleibt doch die Tatsache des Auftrages als solche bestehen. Wir müssen daher unseren Teil der Verabredung, soweit es noch in unserer Macht steht, erfüllen, indem wir das Mädchen in den Hafen hineinbringen. Darüber hinaus soll die Mannschaft, die es schließlich von Mandel getrennt hat, sich um das Mädchen so kümmern, als sei sie in der Obhut Mandels selbst. Und sie soll diese Aufgabe sogar besser wahrnehmen als er es getan hätte.“

An dieser Stelle wäre die Mannschaft, die wahrscheinlich vollständig in der Messe versammelt war, in alle Richtungen aufgebrochen, um an besagte Arbeit zu gehen, hätte nicht ein anderer Mann einen schüchternen Vorschlag gemacht, nämlich Mandel anzufunken und ihn über alle Pläne und das weitere Vorgehen zu informieren.

„Ja wohin soll ich denn funken,“ entrüstete sich der Kapitän. „Weiß ich denn, wo der Mann sich befindet? Treibt er sich noch auf dem Wasser herum, wo er unerreichbar ist? Hat er sich schon aufs Ohr gehauen und schläft fest? Sitzt er überhaupt an einem Ort, wo man ihn anfunken kann? Wird er in absehbarer Zeit eine Funkstation aufsuchen, und wenn ja: welche? Wer will das beantworten? Nicht wir müssen funken, er muss es tun – er weiß, wo er uns findet. Und solange hier nichts passiert, gilt das, was ich sagte. Fertig.“

Die Mannschaft, offenbar anderer Meinung, hatte aber bereits zu agieren angefangen. Es leuchtete nämlich jedem ein, dass der schüchterne Vorschlag, wenn überhaupt, den unmittelbarsten Nutzen hatte. Immerhin wurde so wenigstens versucht, den unglücklichen Mandel, den die Sache schließlich am meisten betraf, in das Geschehen einzubeziehen. Frieda war dabei zwar zunächst vergessen, was hingegen auch nicht weiter schlimm war, weil sie an Bord sicher aufgehoben war und wohl kaum verloren ging. Wenn sie gewusst hätte, dass die Rettung direkt hinter der nächsten Tür lag, hätte sie sich ruhig verhalten. Aber statt unverzagt die Dinge auf sich zukommen zu lassen, hatte sie sich sogar soweit in die Klemme gebracht, dass sie sich aus eigenem Antrieb nicht mehr herauswinden konnte, und so erschöpfend auch alle Versuche ausgefallen waren, sich entweder durch Vorwärts-, Rückwärts- Auf- und Abwärtsbewegungen zu befreien oder durch lautes Rufen auf sich aufmerksam zu machen, so wenig hatte es zu etwas geführt; und so hoffte sie, dass man sie irgendwann zufällig aus dieser gequetschten Lage lösen werde. Schlußendlich hatten alle Anstrengungen sie in einen tiefen Schlaf geführt, die Kreise wimmelten nicht mehr vor ihren Augen, das Krümeln des schwachen Lichtes war einem Traum gewichen, in dem das Schweigen der Stahltür einem Klatschen und Wimmern Platz gemacht hatte. Und so war Frieda wenigstens auf ihre Art und Weise für eine gewisse Zeit der Zwangslage entkommen. Frieda schlief nämlich für ihr Leben gern.

Manchmal konnte es passieren, dass sie sich zum Beispiel mit Herrn Krüger unterhalten hatte und dass sie dann während des Gespräches in sanften Schlummer fiel. Das konnte auch bei ihren besten Freunden geschehen. Die nahmen es hin, Herr Krüger bezeichnete es aber als Frechheit, obwohl es zum Beispiel in Japan durchaus nicht als Unsitte gilt, auf den Inemuri wird allgemein Rücksicht genommen . Da alles Beschimpfen nichts nützte, kam er auf den Gedanken, dass Frieda auf diese Weise einer als sinnlos empfundenen Wirklichkeit zu entfliehen versuchte und war von ihr enttäuscht, dass sie sich so billig davonmachte. Frieda meinte das Gegenteil, nämlich, dass Herr Krüger sehr beschränkt sei, wenn er einen solchen Grund mit ihr in Verbindung brachte. In Wirklichkeit steckte überhaupt nichts dahinter, nicht einmal Psychologie. Aber das ging offenbar über die Vorstellungskraft von Herrn Krüger hinaus. Es war ja früher auch vorgekommen, dass sie mit ausgestreckten Armen über der Schulbank eingeschlafen war. Anfänglich versuchten ihre Lehrer dann, sie in Verlegenheit zu bringen, indem sie ihr besonders schwierige Fragen zu dem just abgehandelten Stoff stellten, aber weil sie immer korrekt antworten konnte, ließ man es bald mit den Tests: Ihre Klassenkameraden nahmen es ihr übel, entweder, weil sie sie um ihre Geistesgegenwart beneideten und ihr vorwarfen, eitel eine korrekte Antwort zu geben, oder weil sie durch ihre Schlampigkeit in den Umgangsformen die ganze Klasse blamierte. Dies war schließlich die Ursache, weshalb sie nur noch verdeckt in der Klasse schlief. Worauf es aber ankommt, ist, dass dieses Beispiel beweist, dass Frieda so fest in der Wirklichkeit verwurzelt war, dass sie schlafend angemessen darin operieren konnte. Und mit diesem Ergebnis war sie so zufrieden, dass es ihr nicht einmal etwas ausmachte, dass Herr Krüger nichts davon wusste.

Plötzlich schnellte Frieda durch die hinter ihr nachgebende Tür in eine gellende Helligkeit hinaus, und als sie ihren Flugbogen auf hartem Boden vollendet hatte, tutete es in ihr rechtes und linkes Ohr hinein, so laut, dass sie meinte, ihr letztes Stündlein habe geschlagen. Beim Öffnen der Augen blähten sich ihr von allen Seiten gelbe Gesichter mit riesigen Backen entgegen, die in jedem Moment ihre Form änderten und aufs schauerlichste glänzten. Nun brachen die Gesichter unter lautem Gestöhn auseinander und offenbarten einen ganzen Satz von Posaunen, Saxophonen und Trompeten, während die Tuba muhte. „Ta-ta-ta-Ta!“ jubelte ein Dreiklang. Damit war das Gröbste überstanden, und Frieda wurde in einen Kreis weiß uniformierter Leute geholfen, der ihr kräftig die Hände schüttelte und sie – heute schon zum zweitenmal – herzlich willkommen hieß. In vorderster Reihe befand sich, neben den musikalischen Damen, der bescheidene Mann, der vorhin den Vorschlag gemacht hatte, Mandel über die Funkstation zu kontaktieren und damit zu Friedas Befreiung beigetragen hatte. Andere, die weiter hinten standen, hatten sich schnell etwas zugerufen und ramponierte Luftschlangen und Girlanden irgendwo ausgegraben, und sie begannen, damit die Messe zu schmücken. Die Damen verzogen sich auf ihr Podest, um ihre blasende Arbeit wieder aufzunehmen, und alles prostete sich kräftig zu.

Weit ist das Meer, wenn man nicht weiß, wohin die Fahrt geht. Man ist fast schlimmer daran als einer, der einsam einen Ozean bezwingt, in einem Boot, das allein er steuert, lichtlos, sprachlos, und ihm bleibt nichts, worin er seinen Schlaf ertränken kann. Aber er hat sein Ziel und einen Neoprenanzug.

04. März 2017