Lampenschirm– Eingemachtes – Verlangen – Nachtschattengewächs

Abends, wenn ich mal allein bin, schaue mich mir gern einen alten Film an. Wir haben noch so einen Filmprojektor aus den 60er Jahren, und unter den Wohlhabenden der Republik gab es welche, die zu dieser Zeit die Möglichkeit hatten, Kinofilme auf Super-8 zu bekommen. Natürlich alles Stummfilme. Es ist schön, im Dunkeln einen alten Gruselfilm zu kucken, allein, und das Rattern des Projektors zu hören, als säße man allein in einem alten Kino. Ich projiziere die Filme immer an eine leere Wand in meinem Zimmer. Die ist dann wie die Wand einer kleinen prähistorischen Höhle mit ihren Zeichnungen, die nur dann erscheinen, wenn ein Mensch sie erleuchtet. Überhaupt mag ich es gerne, wenn es in einem Zimmer eine ganze große leere Wand gibt. Jeder, der kommt, sagt dann: willst du hier nicht mal ein Bild hinhängen? und ich sage immer Nein. Punkt. Die Leute erwarten sicherlich immer eine Erklärung, denn sie erwarten ja auch eine andere Wand als eine leere Wand, aber das ist mir zu umständlich. Ich müsste dann anfangen, ihnen meine ganze Welt aus Licht und Schatten zu erklären. Die Tatsache, dass ich mir auf so einer leeren Wand einen Film anschauen kann, ist eigentlich nur ein Nebeneffekt, eine Erklärung ist das nicht. Und die Leute wissen auch gar nicht, dass ich diese alten Filme in meinem Schrank gestapelt habe, diese dunklen spröden Spulen. Ich habe im Winkel eine alte Lampe stehen. Sie sieht aus, als sei sie, wie die alten Filme, aus Zellophan gemacht – aus ihrer dunklen knisternden Struktur leuchten die Nachbilder ausgestorbener Insekten heraus. Fasst man aber den Lampenschirm an, fühlt er sich an wie kühle Seide. Manchmal habe ich regelrecht Angst vor diesem Schirm, weil er mehr Schatten als Licht hervorbringt, und zusammen mit den verblassten zittrigen Bildern übertriebenen Entsetzens einen dumpfen Ton von Blut-Sehnsucht hervorbringt. Viele Leute berichten davon, dass sie Höhenangst haben, und wenn sie dann einen Turm besteigen, haben sie das quälende Verlangen, sich über die Brüstung zu schmeißen, in einer ungestümen Bewegung. Ich möchte genau so in die Schatten starren, und wünsche mir dann, dass die Nachtgestalten ein Verbrechen in meinem Wohnzimmer begehen. Wenn ich den Lampenschirm so anschaue, bekomme ich oft Appetit auf etwas Eingemachtes. denn so wie die Insekten in den Schirm konserviert sind, oder so wie in dem großen klassizistischen Gebäude gegenüber, das die Pathologie unserer Universität beherbergt, in Gläsern unzählige Präparate enthalten sind, gibt es in unserem Keller immer Weckgläser meiner Großmutter, die mit Vorliebe Nachschattengewächse einmacht, wie Tomaten in allen Variationen und mit Aspik veredelte Kartoffeln. Die Käfer in dem Lampenschirm machen mir darauf ungeheuren Appetit.

19. Juli 2016