Balance. Oder: „Jeder ist seines Glückes Schmied“

Zur Rechten flitzte ein geländerloser Steg etwa zweihundertfünfzig Meter flach über das stille Wasser dahin. Sein Holz schimmerte silbern auf den verstrebten Stelzen, die am Ende einer quadratischen schwimmenden Plattform Raum gaben. Herr Mandel leitete Frieda dort hinauf, wodurch aber die Insel dermaßen ins Taumeln geriet, dass sich beide aneinander festklammern mussten, um nicht vollständig allen Halt zu verlieren. Schließlich kam die Plattform zur Ruhe, das Schnaufen und Glucksen in dem unter ihnen liegenden Gestell verebbte, und Herr Mandel schwang vorsichtig seine Füße über die Kante, bis seine Sohlen leicht die wieder starr gewordene Wasserfläche berührten, von der aus sich zwei violette Kreise bis in die fernste Ferne fortsetzten. Als Frieda von dort aus ihren Blick zurückgleiten ließ, griff sie unwillkürlich in die Luft, um hier vergeblich eine Stütze zu suchen: In Horizontferne schlug sie nämlich die laue Wasserfläche undurchdringlich an; zu ihren Füßen, in unmittelbarer Nähe der Tiefe, kam ihr von unten eine durchsichtige Dunkelheit entgegen, die alles in sich hinabzog. Da sah sie in Kulissen hinunter, in deren allerblauestem Fond braune Steine und Krebse lagen, aus deren Seiten die weichen hellgrünen Algen wehten, durch deren Mitte die runden weißen Quallen mit ihren blauen Schleiern wanderten. Man konnte, um das tatsächliche Maß des Raumes auszuloten, Scherben und Kiesel auf die Rücken der Tiere hinabtrudeln lassen, die dort die schmerzhafte Last durch Pumpen abzuschütteln versuchten.

Aber Herr Mandel nahm Frieda das Glas aus der Hand und erklärte, im Duktus einer Anweisung:

„Ich habe eine Schule ausgesucht, die Ihren Notwendigkeiten entspricht. Wenn Sie dort hinausgehen, werden Sie beurteilen können, was ich Ihnen über den Beschluss Ihrer Großmutter gesagt habe. Vielleicht werden sie dann das Haus und die Gäste vermissen; dann werden Sie Klarheit darüber besitzen, was Sie hier gehabt haben und welcher Wert das bis jetzt einfach so im Vorübergehen Mitgeschleifte hatte. Aber vielleicht werden Sie sich, wenn Sie erst einmal alles erkannt haben, auch richtig schämen; dann haben sie die Möglichkeit, Ursache und Hintergründe Ihrer roten Ohren herauszubekommen. Dann ist es Zeit, sich anderem zuzuwenden. – Die Schule, die ich im Auge habe, wird Sie zu dem besten heranziehen können, was augenblicklich denkbar ist: ein universelles Wissen. Das wird wahrscheinlich sofort Ihren Einspruch hervorrufen. Zum einen werden Sie mich auslachen und fragen, wie zum Henker dieses Unmaß an Stoff zu bewältigen sei. Ihre Fähigkeiten gehen ja kaum über das Schreiben und Lesen hinaus, es gibt nichts, worauf man aufbauen könnte, kein Grundstock existiert, der all diese Lernvorgänge automatisieren würde, da ist rein gar nichts, das ist toter Grund. Und schon sind wir nämlich blitzschnell beim Zweiten angelangt: Es hat Ihnen vor allem bisher der Impuls gefehlt, zu lernen, und warum sollten Sie dies ausgerechnet jetzt tun, wo Ihnen das Allerliebste genommen wird? Für wen denn ???, werden Sie sich fragen. Sie hätten doch allen Grund, trotzig zu sein, nicht zuletzt, weil ich Sie hiermit entmündige und somit ein freiwilliges Voranstreben unterbunden habe. Selbst wenn also alles auf das sichere, von mir vorausgesagte Ziel hinausläuft, d.h. dass Sie eine Ausbildung erhalten, die Ihnen Tür und Tor öffnen wird, nützt es Ihnen doch nichts, sobald es um die Freiheit einer Entscheidung geht; es ist ja nicht mehr Ihr Leben, sondern meins oder das Ihrer Großmutter. Das ganze antriebslose Vorleben ist ja wenigstens Ihr Eigentum! Warum sollte Sie also das, was Ihnen bisher immerhin Glück verschafft hat, eintauschen gegen etwas, wohin es Sie von selbst gar nicht drängt? Sie können ja nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, dass es überhaupt klappt, was? Und wenn es gelänge: ob Ihnen daraus ein größeres Glück zufiele. Sie wären gezwungen, ins Ungewisse hinein Anstrengungen zu verwenden, bei denen Ihnen außerdem niemand hilft, denn das Gehirn zum Lernen, das müssen Sie schon selbst aufbringen. Bisher konnte Sie sich aber sorglos anderen anvertrauen, Ihren Freunden und Ihrer Großmutter. Damit war nicht nur Ihre Zukunft gesichert, sondern aus den Lebenskräften, die Sie den Anderen abzapften, schöpften Sie Ihre eigenen. Das war Ihr Glück. Und so war alles schon völlig verrottet, denn Ihr Glück war der selber ganz gefräßigen Gegenwart der Freunde zu verdanken und was sie Ihnen abschmarotzten. Jedoch insgeheim haben diese Freunde Sie bereits verraten, ja, und sie haben meine Ankunft vorbereitet, was ein solches Freundschaftsglück nun wirklich zweifelhaft macht. Aber angenommen, dies geschah lediglich mit den besten Absichten Ihrer Freunde, die damit nur den Teppich ausrollen wollten für das, was jetzt auf Sie zukommt, so zeigt das doch, dass sie mein Erscheinen für richtig hielten und dass Sie dieses einfach respektieren und dankbar sein sollten. Wie dem auch sei: Ihnen bleibt keine Wahl, jetzt sind alle weg.“ Da stand Herr Mandel auf und zog Frieda an der sandigen Hand zu sich hoch.

Nun gingen sie zu einem schmalen silbernen Boot hinüber, das an der Plattform angebunden war, und Herr Mandel ließ Frieda mitsamt ihrer Tasche einsteigen; es gelang ihr kaum, sich in diesem dünnen Fahrzeug aufrecht zu halten, und als sie schließlich auf einem Rudersitz Platz gefunden hatte, saß sie dort eingesunken in dem Wasser. Dann stieg ebenfalls Herr Mandel ein, der den gleichen Tanz aufführte und seufzend in den Kunststoff sackte. Dann fiel ihm aber ein, dass nicht er, sondern Frieda rudern sollte. Das war die erste Probe. Dafür mussten sie wieder beide aufstehen und sich aneinander vorbei ringen, ohne den Halt zu verlieren, so dass die Schöße des Regenmantels und alle Arme nach rechts und nach links flogen. Zuletzt zerrte Herr Mandel die Skulls von der Plattform und zeigte Frieda, wie sie sie einlegen sollte. Frieda pullte kräftig durch. Das Boot flitzte nun in gerader Linie davon; Frieda sah vor sich den Bootssteg zum Mittelpunkt hin immer kleiner werden und das Land nach hinten weichen. Sie schossen lautlos dahin wie eine Nadel im Glas.

Über das Blinzeln: Sie waren jetzt weit draußen. Herr Mandel blickte über seine Schulter auf den Landstrich herüber und hob prüfend seine Hand. Frieda ließ das Boot ausgleiten. Es war eine leichte Brise aufgekommen, die das Wasser böse funkeln ließ, und gerade vor ihr stach die Sonne in einem speckigen Weiß durch den abendlichen Himmel, so dass Frieda, die sich doch nur, wie um auf die Uhr zu sehen, an dem Himmel kundig machen wollte, nahezu zwanghaft bedacht sein musste, die Augen offen zu halten, obwohl ihr der Himmel dies verbot. Das war, na!, als ob ihr für einen Augenblick ein Gedanke abhanden gekommen wäre, und davor der Gedanke des Gedankens, bis sie nichts mehr von dem Zweck ihres Aufenthaltes auf dem Wasser wußte, sich dafür aber in der Rekonstruktion des Himmels, des Gedankens und der Rekonstruktion verwurschtelte, in einer fürchterlich gekreuzten Reihe. Das war, als ob ihr ein Wort entfallen wäre, das ihr eben noch auf der Zunge gelegen hatte. Und das kam, weil sie so in den Himmel blinzelte. Herr Mandel aber rückte näher und näher an sie heran, schon über ihr Ohr gebeugt, als ob das Boot zu klein für beide wäre, und zwar aus beinahe dem gleichen Grund.

Immer heftiger tänzelte das Boot hin und her, bis es schließlich in ein gleichmäßiges Rollen geriet, das durch die Ankunft eines großen Schiffe verursacht wurde, welches von irgendwo herangefahren gekommen war und nun nahezu die Ruder berührte. Von der Reling fielen zappelnd etliche Strickleitern herunter, die ihnen einen Aufstieg ermöglichen sollten; zudem wurde ein Seil herabgelassen, das sich Herr Mandel schnappte, um daran die Tasche zu befestigen, die sofort mit einem Ruck nach oben schnellte. Schon schwang sie in ihre ganzen Masse vor und zurück, auf der einen Seite stumpf nach dem stählernen Schiffsleib, auf der anderen Seite nach der luftigen Leere schlagend. Nun versuchte Herr Mandel, eine der Leitern zu fassen zu bekommen und Frieda erstens beim Aufstehen und zweitens beim Hinaufklettern zu helfen. Das stellte sich aber als ein hoffnungsloses Unternehmen heraus, weil der Schiffsleib sich allzuweit über das Boot wölbte und die Füße keinen Widerstand hatten, die Leitern keine Ruhe fanden und der Körper nirgends anlehnen konnte. Tatsächlich wurde durch die Stemmkraft, die Frieda nötig hatte, um sich auf die Leiter zu hieven, das Boot nur immer wieder vom Schiff fortgedrückt, bis sich alles noch ungünstiger gegeneinander verschob. Oben an der Reling erschienen nun mehr und mehr Matrosen in dunkelblauen Hemden, Wäsche hinten, die kopfschüttelnd dem Tun unten zusahen. Und es schien auch nicht mehr Erfolg zu versprechen, als Frieda schließlich doch ins Wasser gefallen war und nun nicht einmal das kleine Boot erklimmen konnte, ohne dass sie Herrn Mandel herausbefördert oder es gar zum Kentern gebracht hätte. Da schmissen die Matrosen grelle Rettungsreifen mit einer Wucht herunter, die Herrn Mandel fast ebenfalls in Seenot gebracht hätte, und sogleich warfen sie sich selbst in voller Montur hinterher, indem sie mit den Fäusten Anlauf nahmen.

Alles war nun in größtem Aufruhr: Die Tasche schlingerte in den letzten Zügen an die eiserne Haut, das Wasser kochte dunkel von den Schwimmern, Arme und Beine tobten wild durcheinander, ab und zu platzte ein schaumiger Schwimmreif durch die Oberfläche, nachdem ihn versehentlich ein hastiger Schuh im Eifer des Gefechtes unter sich getreten hatte, über allem tanzten die widerborstigen Leitern, das Boot mit dem fuhrwerkenden Herrn Mandel drehte sich immerzu im Kreise, und mittendrin wühlten inzwischen wieder die Schiffsschrauben. Ein besonnener Matrose tunkte aber Frieda in einen Reifen und gab nach oben hin Zeichen, man möge sie hinaufziehen, was auch geschah. Alle anderen ließen schlagartig von ihrem Tun ab, begaben sich mit einem Klimmzug auf die Leitern und turnten im Affenzahn daran hoch, während gleichzeitig die anderen halfen, alles über die Reling zu hieven und das Schiff allmählich loslief. Mit letzter Kraft ließ man sich über die Brüstung plumpsen und verpustete ein Weilchen auf dem Stahl des Decks, das kühl in Hinterkopf, Schulterblatt und Steißbein drückte; ein leichtes elektrisches Zittern lief beim Abdrehen des Schiffes unangenehm durch die Körper hindurch, über ihnen flatterte fröhlich eine Fahne, der Rauch der Maschine und schließlich einige nun doch noch von der Sonne golden gefärbten Wölkchen vorbei; Schornstein und Schiffswände strebten licht in den Himmel hinauf, der schnell verdunkelt wurde durch das Gesicht eines Helfers mit Handtuch.

Jemand hüllte Frieda darin ein, entfernte noch den Rettungsring, rubbelte sie von oben bis unten ab, knetete den Frottee in das Haar, bis es fast völlig trocken war, und als Frieda endlich den Blick freihatte, sah sie, dass man den übrigen den gleichen Gefallen getan hatte. Hier und dort wurde noch das Wasser aus dem Ohr gehüpft, und allgemein erfreute man sich an Witzen. Aber Herr Mandel war nicht dabei. Frieda stieg da vorsichtig über die Matrosen, um ihn ausfindig zu machen. Hatte er sich einen Ort gesucht, wo er die peinliche Umzieherei nicht beobachten musste? War er in einem Winkel verschwunden, der seinerseits für die Neugier der anderen unzugänglich war? War er bereits auf dem Weg zu einer offiziellen Stelle? Marschierte er schon durch die leeren Gänge des verborgenen, weit entlegenen Schiffsinnern? Oder war er übrig geblieben im Boot? Frieda schritt nun immer eiliger und widerwilliger in Richtung Heck voran, indem sie sich von dem kompliziert verwickelten blauen Tuch befreite, indem sie die aus den Ärmeln pleuelnden Hände, die sich ihrem Lauf hinterherdrehten, um die Achsen der Matrosen wirbelte, und indem sie schließlich auf dem Seitendeck Tür um Tür durchstieß. Nun flog sie auf das breite Achterdeck und hielt auf dem grünlich grauen Meer Ausschau. Das Kielwasser hatte einen weiten Bogen darauf gemalt, und links von diesem stand Herr Mandel in dem schmalen Boot, wie Rumpelstilzchen schimpfend und stampfend, so gut es eben ging; um ihn herum schwappten die liegengebliebenen nutzlosen Reifen (30 Stück vielleicht). Man konnte aber von dem Geschrei nichts hören: Der auflandige Wind trieb seine Laute auf die Küste zu, wo man vermutlich mehr von dem Unglück mitbekam als hier an Bord. Herr Mandel schrumpfte, und die Sonne ging unter.

Frieda ging nun, sehr besorgt über das Vorgefallene, zur die Brücke hinauf. An der Tür war ein Schild befestigt, auf dem stand: „Zugang nur für Bordpersonal.“ Sie machte den Rücken krumm, um durchs Schlüsselloch zu sehen, es war aber keins da. Sie öffnete die Tür und störte drei Offiziere beim Abendbrot. Deren Schultern wurden durch schwere goldene Epauletten weit heruntergezogen, so dass sie dort vor ihren glänzenden Hähnchen saßen in einer Haltung, die der Friedas eben vor der Tür glich. Alle drei blickten sie, das Essen im Mund eingefroren, über die gekrümmte Schulter aus dem Augenwinkel an.

„Ich habe gelesen, was draußen stand,“ sagte sie, „und mir ist klar, dass ich in diesem Raum nichts zu suchen habe.“ Da lachten die Offiziere, die sich den Mund zuhalten mussten, damit das, was drin war, nicht herausfiel, durch die Nase, aber Frieda fuhr fort: „Es gibt aber einen guten Grund, weshalb ich trotzdem hier eingetreten bin: Eben hat man mich und meinen Begleiter auf das Schiff hinaufheben wollen, aber es gelang nur bei mir. Das Schiff ist abgedreht, noch ehe Herr Mandel aufsteigen konnte, und nun liegt er dort auf dem Meer in zunehmendem Dunkel. Wir müssen zurück.“

„Waaas?!“ schrie da der Prächtigste von den dreien, der wohl der Kapitän war. Die Serviette lag schon auf dem Boden und der Stuhl war weit zurückgestoßen. „Wer ist das gewesen?!“

31. Oktober 2016