Steine – Masken – Schuhe

Karls Mutter hatte die Abgewohnheit (manche Leute sagen: die unangenehme Angewohnheit), Menschen genau zu beobachten. Sie konnte nicht in der Umgebung anderer Menschen sein, wenn Sie nicht im Laufe der Tage, Wochen und Monate, die sie in Gegenwart einer anderen Person verbrachte, langsam die Grundlage für eine Sondierung schaffen konnte. Sie nannte das "Andocken". Wie lange sie den Menschen ingesamt eigentlich kennen würde, spielte dabei für sie keine Rolle. Das Zusammensein war nämlich für sie auf jeden Fall eine unbedingte Sache. Die meisten Leute merkten es gar nicht, und die fühlten sich behaglich bei Karls Mutter. Man konnte da immer so schön auf dem Sofa sitzen, und man hatte dann keine Lust nach Hause zu gehen. Es gab ein paar, die ihre Angewohnheit überhaupt nicht ausstehen konnten: sie fühlten sich durch Karls Mutter ausspioniert, sie fanden sie distanzlos oder sie fühlten sich dem Licht ausgesetzt. Karl selbst kannte es nicht anders. Er hatte sich einige Tricks angewöhnt, damit seine Mutter ihn nicht ausleuchtete, und eines davon war, ihr mit Gutmütigkeit zu begegnen.

Steine

Bei anderen Steinen handelt es sich um Kügelchen, die in der Kopfschale herumrollen.

Um die Leute zu durchdingen, musste Karls Mutter nicht viel fragen, sondern sie benutzte ihre Vorstellungskraft. Das ging so: Sie sah die Person als Form vor sich, als Hülle oder Kontur, und dann fragte sie sich, was da drin steckte. Menschenhüllen sind schlaff, und was sich drin befindet, gibt der Hülle erst ihre Form und Beschaffenheit so wie ein Ballon seine Form erhält, wenn man ihn aufbläst. Also ist das, was diese Hüllen füllt, ein Gemisch aus Flüssigkeit, Gas und Licht oder auch Dunkelheit, je nachdem, welche Lampe gerade an ist, und die Person bewegt sich entsprechend durch das Leben, wobei sie beim Älterwerden innen allmählich fester wird. Je nachdem, was im Leben passiert, gibt es spezielle ganz besondere Verdichtungen, von denen sich die meisten nicht mehr lösen lassen, und wer genau hinguckt, merkt, dass sich innen in der Person ein oder mehrere Steine befinden. In der Regel sind das schwarze Gebilde. Bei machen Leuten ragen Sie wie ein spitze Nadel aus dem Beckenbereich bis in die Kehle hinaus, bei anderen handelt es sich um Kügelchen, die in der Kopfschale herumrollen, dann gibt es solide Steine, die sich in der Brust zusammenballen und blaues Feuer enthalten, wiederum andere sind an den Lenden angehängt und schlottern des Personen zwischen den Knien. Es gibt Menschen, die werden von außen von Steinen angegriffen, aber es handelt sich nur um vergeblichen Staub. Die Träger sind meisten völlig unschuldig daran

Masken

Manches Gesicht liegt wie ein Schleier oder eine zarte Schicht vor der Maske.

Es ist erstaunlich, wie viele Menschen herumlaufen und ihr Gesicht nicht vor sich tragen. Man hat das Gefühl, dass sie hinter ihrer Maske verknautscht sind, sich entweder nicht heraustrauen oder nicht richtig herausgucken. Man bekommt den Eindruck unmittelbarer Nicht-Anwesenheit. Auch grimmige Menschen können durchaus ihr Gesicht vor sich tragen, manchmal kommt dann der Grimm wie eine Faust aus ihrer Maske heraus. Karls Mutter konnte so gut mit Leuten, weil sie immer ganau so viel von dem Mensch anredete, wie eben aus der Maske herauskommen wollte. Wie die Leute ihr Gesicht vor sich hertragen, kann durchaus komisch sein, ohne dass sich die Leute dessen bewusst werden. Zum Beispiel tragen manche ihre Augen wie kleine Bälle vor der Maske, manche drücken ihr Gesicht wie durch eine massive rote Fettschicht, wieder andere tragen nur die Nase oder das Maul vor sich her. Manche Gesichter schweben erhaben und frei vor der Maske, andere haben vor sich einen Schleier oder eine zarte Schicht, die über der Maske liegt, und andere werden nur in einem Lächeln sichtbar. Viele Gesicher bleiben hinter der Maske. Ein Gesicht, das nicht herauskommen will, ist wie eingewachsenes Gesicht. Man erblickt sie manchmal, wenn Leute plötzlich ihre Augen aufschlagen. Manche von diesen sind sehr unangenehm; sie starren beharrlich. Un dnn gibt es Gesichter, die sind einem so fremd, dass man sie gar nicht als Gesicht erkennt, aber sie waren doch die ganz Zeit schon draußen, und man kann sich dann davor erschrecken, wie sie in mein Gesicht sehen, sagte die Mutter von Karl.

Schuhe

Mönche, einander zugekehrt.

Wenn man viel mit dem Bus oder der U-Bahn oder auf einem Transporter zur Arbeit fahrt, besonders morgens früh oder abends spät, und wenn der Geist dann nicht mehr so wach ist und die Lider schwer heruntersinken, dann lernt man viel über die unteren Bereiche des öffenlichen Nahverkehrs kennen. Die Böden von U-Bahnen laden nicht zum Sitzen ein, auch wenn Pendler, die immer längere Strecken in immer volleren Zügen sich irgendwann auf den Boden setzen. Beim Blick nach unten bekommen die Taschen, Schuhe und Füße ein besonderes Eigenleben. Besonders Schuhe sind wie Gesichter. Heutzutage haben die Leute ja fast nur noch Schuhe an, die lange in ihrem Besitz sind, weil es eben nicht so leicht neue Schuhe zu kriegen gibt, vor allem keine soliden Schuhe, Schuhe nehmen irgendwann die Form ihrer Besitzer an, und zwei Paar völlig gleiche Schuhe passen sich irgendwann so sehr ihrem Besitzer an, dass diese beiden Paare sich irgendwann überhaupt nicht mehr ähneln. Karls Mutter hatte bald erkannt, dass es arrogante Schuhe gibt, und gemütliche, dass spitze Tanten von Schuhen herumlaufen und Schuhe, die zu Möpsen geworden sind. Lächelnde Schuhe, spöttische Schuhe, tuschelnde Sandalen, Beamtenschuhe, betrunkene Stiefel, Mönche von Schuhen, einander zugekehrt, betend. Irgendwann, nach langer Fahrt, hebt sich der Blick, und man stellt fest, dass die Gesichter Ihrer Besitzer ebenfalls Schuhe sind, die ausgezeichnet zu den Schuhen an den Füßen passen.

20. Oktober 2022