Der Fund auf der Sandbank

Ich wollte doch mal nachsehen, ob das Ding, das wir in einer Blechdose vergraben hatten, immer noch im Wald lag, an der Stelle, die ich noch im Kopf hatte. Den ganzen Winter über ließ mich der Gedanke nicht los. Aber es gab ungewöhnlich viel Schnee dieses Jahr, und dann schmolz alles, und zudem regnete es ununterbrochen und stur, an die drei Wochen lang. Wir hatten für die Dose eine Mulde zwischen den Wurzeln eines Baumes gefunden, in einer Senke neben einem Tümpel, wo schon beim Eingraben alles voller Modder war; dieses Fleckchen war wahrscheinlich nie irgendwann einmal trocken. Und jetzt stand dort sicherlich alles unter Wasser. Ich hatte keine Lust hinzugehen und mich zu vergewissern, das wäre ein zu langer Weg gewesen, und außerdem war mein Fahrrad kaputt. Und der geteerte Waldweg war seit Jahren nicht instand gehalten worden, seit kein Forstwagen ihn mehr braucht, so dass der Belag Wellen wirft und mich bei der Fahrt immer mächtig schüttelt, und aus den Ritzen schießt das Kraut wie es will. Ich mochte diesen Weg nicht. Es gab immer wieder einen Grund, nicht nachzusehen. Ich mochte die Dose und ihren Geruch. Sie war rund und für Bonbons gedacht, und sie war schon alt, als wir das Ding hineinlegten. Sie roch sehr scharf nach Metall, an einigen Stellen gab es Rost, die Farbe war teilweise abgesprengt, also: nach weißem Metall und irgendwie süß und gleichzeitig scharf, es gibt da so eine Bandbreite von Düften, die nach Zahnschmerzen riechen, die laut und unhöflich sind. Ich glaube, was ich besonders an dieser Dose mochte, war, sie zuzumachen, so dass sie nicht mehr so nach Metall roch.

Das Ding, von dem ich hier spreche, ist ein Gegenstand, den wir als Jungs an der Steilküste im Wasser gefunden hatten. Es war eins von vielen gleichen, die in dieser Zeit an den Stränden oder auf den Sandbänken angespült worden waren. Wir haben keine Ahnung, was für ein Ding es ist, und so weit ich weiß, sind auch alle irgendwo unter Verschluss gekommen; da gibt es, glaube ich, kein einziges, das man noch ankucken könnte, in irgendeinem Museum oder einer öffentlichen Sammlung. Das ist ein bisschen seltsam, denn es gab wirklich viele von diesen Dingern, aber die Fischer meiden ja heute noch die große Sandbank, denn sie sagen, das Gebiet sei "unrein", obwohl man da die feinsten glitzernden Fische mit der Hand rausschöpfen könnte, wie sie dort über den Grund huschen. Keine Ahnung, wie man das im Wasser so genau abzirkeln will, aber das erklärt vielleicht, warum man sich mit den Dingern so anstellte. Roger als der weltbeste Schwimmer hatte zeimlich tief an einer Stelle getaucht, wo früher Muscheln gezüchtet wurden, und dann brach er, nach Luft schnappend, durch die stumpfe Oberfläche und riss das Ding, einen Bogen aus Wasser in die Luft schreibend, mit einem Triumphgeheul in die Höhe. Es sah aus wie ein Siegespokal aus festlich rotem Lack. Als wir mitbekamen, dass die Artefakte (so nannte man sie dann offiziell) nicht nur eingesammelt, sondern agressiv konfisziert wurden und als meine Mutter einen Tobsuchtsanfall bekam, weil sie entdeckte, dass das Ding immer noch zwischen Schuhen und Tüchern unter meinem Bett versunken war, da beschlossen Roger, Shany und ich, das Artefakt in Sicherheit zu bringen. Unsere Sprache war voll davon: statt "Ding" sagte wir "Fakt", und wir sagten dann "Fakt ist", wenn wir uns über das Ding unterhielten, auch als es vergraben war. Irgenwann noch im selben Sommer fuhren wir mit den Rädern in den Wald. Der war noch gut gepflegt und die Straße glatt. Wir ließen dann die Räder liegen und schlugen uns ins Gelände. Wir wollten den Hügel hinauf, um uns umzusehen und mussten uns durch wildes blumiges Unterholz schlagen. Der Hügel war steil und schien kein Ende zu nehmen. Der Himmel war weiß und brutal und wir mussten uns in der Hitze gegen einen aufdringlichen, in der Grundnote kalten Wind wehren. Im Grunde nichts anderes als der Dosengeruch. Auf der anderen Seite fanden wir unsere Stelle. Wir nahmen das Fakt in die Hand und wickelten es in ein Küchenhandtuch. Es war keine Vase, es war keine Phiole, es war kein Schmuckstück und auch kein technisches Gerät, obwohl es sehr sowohl technisch als auch schön war. Es war ganz und gar verschlossen, wir kriegten es einfach nicht auf, obwohl wir es am Ende sogar – vergeblich! – mit Gewalt behandelten, ohne zu wissen, welche Folgen das haben könnte. Wir waren halt sauer, nur Shanty nicht, der hatte dabei viel Spaß mit alten Silvesterböllern, die er wer weiß wo noch gefunden hatte. Er hatte immer gute Laune. Das Dings war federleicht, wenn man es in der Luft hielt, aber wenn man es vom Boden heben wollte, klebte es fest, als wolle es sich an den Boden klammern, mit allem Widerstand, der sich ihm zu Gebote stand. Und dann, mit einem Mal, löste es sich weich. Keine Ahnung, welche Bewegung das bewirkte.

Eigentlich wollten wir noch einmal wieder kommen und das Ding ganz genau inspizieren, aber daraus wurde nichts, weil Shanty sowieso nur Sommergast war und weil Roger im Herbst mit seiner Familie wegging. Er hätte ja mal ein Wort sagen können, und allein traute ich mich nicht in den Wald, und als ich älter wurde, habe ich es immer wieder verschoben.

28. Dezember 2019